WARNUNG: Dieser Text enthält Schilderungen von Rassismus.

Es ist ein verregneter Donnerstagnachmittag im November. Ich schaue aus dem Wohnzimmerfenster meiner Hamburger Wohnung auf den Park, während ich Kadir anrufe, der mit seinem Ehemann in Hannover lebt. Er meldet sich mit einem lang gezogenen und freundlichen „Heeeello“. Ich frage ihn, wie sein Tag war. Kadir beginnt von der Arbeit zu erzählen. Zwischendurch lachen wir laut. Nicht, weil die Geschichten witzig sind, sondern eher wegen Kadirs spitzen, humorvollen und eloquenten Art, sie zu erzählen. Es geht um Diskriminierungserfahrung, die er als queerer Mann mit Migrationserbe* in Deutschland fast täglich erlebt. Eine Erfahrung, die ihn dazu bringt, aktiv dagegen vorzugehen. Sein Grundsatz ist der seines Vaters: „Damit es meine Kinder mal besser haben.“ In Kadirs Fall sind es seine Nichten, Neffen und die nachfolgenden Generationen. „Zeit verändert nichts, wir müssen etwas verändern“, sagt er bestimmt. 

Kadir wurde in den 1970er in der Türkei geboren. Als er zwölf Jahre alt war, zog er mit seiner Familie in eine niedersächsische Kleinstadt. Mit strukturellem Rassismus wurde er schon sehr früh konfrontiert. Seine Lehrerin sprach sich vehement gegen eine Gymnasialempfehlung aus, obwohl Kadir zu den Besten seiner Klasse gehörte. Sein Vater blieb standhaft und willigte nicht ein. 

Dies sei kein Phänomen, das nur ihn betreffe. Türkischstämmige Menschen in Deutschland berichten zu 90 Prozent, dass sie in der Schule unterschätzt worden seien, betont Kadir. Auch das klassische Beispiel, keinen Besichtigungstermin für eine Wohnung zu bekommen, hat er oft genug erlebt. Er erzählt, dass sein Mann, der einen deutschen Namen hat, die Termine machen musste, damit sie überhaupt welche bekamen. Den alltäglichen strukturellen Rassismus möchte Kadir nicht weiter hinnehmen. Er möchte etwas verändern und auf die Missstände, die ihn und viele andere Menschen mit Migrationserbe in Deutschland betreffen, aufmerksam machen. 

In Deutschland gebe es eine allgemeine Türkenfeindlichkeit: Wenn er als „tolles, integriertes“ Arbeiter:innen-Kind Englisch spreche ist er gebildet, mit Französisch sogar hochgebildet, aber Türkisch zu sprechen, werde in der Gesellschaft als Grund zum Othern genommen, führt Kadir aus. Auch wenn mittlerweile Diversity immer mehr gewünscht wird, ist es eine Diversity, die nach den Regeln der weißen Mehrheitsgesellschaft funktionieren solle. Somit stößt Kadir immer wieder auf Widerstände, sobald er aktiv etwas verändern möchte. Zum Beispiel bei dem Anspruch auf mehr Partizipation und Repräsentation von BIPoCs in Vorständen, der Politik und anderen Einrichtungen. Dieser werde oft als Identitätspolitik abgewertet. „Aber Vorstände mit ausschließlich alten, weißen Männern ist keine Identitätspolitik?“, fragt Kadir. 

Diese Diskriminierungserfahrungen verarbeitet er auch in seinem Theaterstück „Breathe“, das am 27.11.21 Premiere auf dem OSCO Platzprojekt in Hannover feierte (und im Januar wieder aufgeführt wird) und toxische und marginalisierte Männlichkeit, die sich unter Rassismuserfahrung und Othering entwickeln muss, behandelt. Seit knapp zwei Jahren entwickelt er Theaterstücke mit zwei Kollektiven. Ein anderes Stück „Hungry for Justice“ behandelt Klimagerechtigkeit aus der Sicht des globalen Südens. 

Neben mehr Sichtbarkeit und Partizipation für Menschen mit Migrationsgeschichte klärt Kadir auch über queere Lebensrealitäten in der Gesellschaft auf. Seit über zehn Jahren arbeitet er bereits in der Bildungsarbeit. Er gibt Workshops und Fortbildungen zu gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit in Bezug auf Homo- und Transfeindlichkeit. Als Lehrbeauftragter an der Georg-August-Universität Göttingen gibt er außerdem Blockseminare zu sexueller Orientierung und geschlechtlicher Vielfalt sowie Umgang damit im Gesellschafts- und Arbeitsleben. 

Dennoch ist es ihm wichtig, dass keine Schubladen für migrantische vs. nicht-migrantische Themen geschaffen werden, sondern dass Migration und Queersein als Teil unserer Realität im Jahr 2021 betrachtet wird. Besonders als wissenschaftlicher und literarischer Autor möchte er in der Literatur postmigrantische und queere Themen aus dem Nischendasein herausholen und als festen Bestandteil in der Literatur aufzeigen, der für alle gedacht ist und nicht nur für Betroffene. Viel zu oft werden Themen zu Migration oder Queersein als „Migrationsliteratur“ oder „Queer-Literatur“ abgewertet, bemerkt Kadir. 

Besonders bei seiner Arbeit fällt ihm immer wieder auf, dass die weiße Mehrheitsgesellschaft aufgrund von White Saviorism und Machtgedanken diese Nischen und Schubladen kreiert und somit immer wieder Hindernisse für BIPoCs und besonders BIPoCs, die intersektionaler Diskriminierung ausgesetzt sind, erzeugt. „Bei selbstbewusstem Auftreten spüren wir auch im queeren Kontext Rassismus, nicht aber bei Dankbarkeitsdiskursen. Wenn wir den White SaviorComplex nicht bedienen und nicht immer dankbar sind, werden wir abgelehnt.“ 

Als Vorstandsmitglied eines Vereins, der queere Menschen mit Migrationsgeschichte zu intersektionaler Diskriminierung und Aspekten unterstützt, hat Kadir diese Ablehnung erlebt. Der Verein setzt sich für den postmigrantischen Gedanken, das Ansehen von Migration als Bestandteil der Gesellschaft und für die Sichtbarkeit durch Partizipation und nicht mehr über Integrationsdebatten ein. Sie kämpfen um Förderungen. Seitdem werden sie von anderen, überwiegend „weißen“ Queer-Vereinen als Konkurrenz wahrgenommen; haben diese Vereine vorher noch auf sie verwiesen, tun sie dies nun nicht mehr. 

Kadir lässt sich von White Savior-Verhalten und Machtgedanken nicht aufhalten und wirkt aktiv dagegen. Das habe auch negative Auswirkungen, merkt er an. Dadurch, dass er rassistische und diskriminierende Strukturen und Verhaltensweisen anspricht, hat er schon Absagen zu Veranstaltungen bekommen. „Über weiße Strukturen und Rassismus öffentlich zu sprechen, wird als joy kill wahrgenommen. Wird allerdings über Dankbarkeit gegenüber Deutschland oder katastrophale Zustände in den vermeintlichen Herkunftsländern berichtet, wird dies gerne gehört“, ergänzt Kadir. 

„Es ist schwierig, als BIPoC Zugehörigkeit in der weißen Mehrheitsgesellschaft zugestanden zu bekommen und so sein zu dürfen, wie man ist“, betont er. Das Recht darauf anders sein zu dürfen, in einem freundschaftlichen Verhältnis auf Augenhöhe Kritik üben zu dürfen, ohne deswegen abgestraft und geothered zu werden und als Mensch mit Migrationserbe als aktiver Teil der Deutschen Gesellschaft und nicht als Produkt des White Saviorism zu leben, hat Kadir sich als Ziel seiner Arbeit gesetzt und als Anspruch für eine bessere Zukunft in Deutschland.

Nach vier Stunden beenden wir unser Gespräch: erschöpft von der Tragik von Kadirs Erfahrungen, aber auch hoffnungsvoll bezüglich einer immer weiter fortschreitenden Veränderung. 

*ein von Kadir selbst geprägter Begriff. Unter anderem aus dem Text „Migrationserbe statt ‚Migrationshintergrund‘“.

Illustration: @cesaremaestrelli

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

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Autor:innen

Anna T.
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Seit 2021 Redakteurin bei DIEVERPEILTE. Hat Geisteswissenschaften mit Fokus auf Indien an der Universität Hamburg studiert. Themenschwerpunkte sind Gesellschaftspolitik und feministische Themen.

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