Ich sitze auf der großen, bequemen Couch meiner Großeltern. Eigentlich gehört sie nur meiner Oma, denn seit sie sie ausgesucht hat, ist sie die Einzige, die sie putzt, saugt und die Kissen aufschüttelt. Wäre sie dafür bezahlt worden, hätte sie sicher längst genug zusammen, um den Teil auszugleichen, den mein Opa dazu beigesteuert hat. Irgendwie gefällt mir der Gedanke. Die Vorstellung, meine liebe, zurückhaltende Oma könnte auf einmal gegen das Finanz-Patriarchat rebellieren, ist aber ebenso unrealistisch wie deplatziert. Denn gerade erzählt sie mir davon, wie die Kriegsverletzung ihres Vaters ihn aus dem Krieg gerettet hat. Ich zögere. Schon lange will ich sie etwas fragen, aber bisher habe ich mich nie getraut. Meine Oma ist einer der arglosesten Menschen, die ich kenne.

Die Frage, ob ihr Vater eigentlich ein Nazi war, würde sie vermutlich so sehr beleidigen, dass sie nicht mehr darüber sprechen wollen würde. Aber ich finde, ich sollte es wissen und sie sich damit auseinandersetzen. All meinen Mut zusammen nehmend, frage ich: „War Ur-Opa Karl eigentlich in der Partei?“ Eine softe Version dessen, was ich eigentlich wissen will. „In einer Partei? Nee, der war in keiner Partei. Der fand den Krieg ganz schrecklich.“ Einen kurzen Moment bin ich erleichtert, dann denke ich, dass meine Oma nicht unbedingt eine Expertin für den Nationalsozialismus ist. „Wann ist er noch mal geboren?“ Das „noch mal“ kommt gut, denke ich. Als würde ich das eigentlich wissen, dabei muss ich selbst das Alter meiner Eltern zu jedem Geburtstag neu ausrechnen, weil ich es mir nicht merken kann. Meine Oma glaubt, er wäre 1916 geboren worden.

„Dann war er ja in der Hitlerjugend“, sage ich. Schnell rechne ich im Kopf; als die Nazis die Macht ergriffen, war mein Uropa 17. Wenn die Pflicht, die Hitlerjugend zu besuchen, ab dann galt, wäre er immerhin ungefähr ein Jahr der NS-Erziehung ausgesetzt gewesen. Später recherchiere ich, dass die Hitlerjugend erst 1939 mit dem Kriegsbeginn verpflichtend für alle wurde, also fünf Jahre nachdem mein Opa die Volljährigkeit erreicht hatte. Aber in dem Moment gehen meine Oma und ich davon aus, dass ihr Vater dort war. „Ja kann gut sein, dass er in die Hitlerjugend gegangen ist. Die mussten dahin, oder?“, fragt sie mich. Ich nicke. Ich würde sie gerne viel mehr fragen, aber ich weiß nicht, wie. Hat mein Opa etwas dagegen getan, dass Millionen Menschen ermordet wurden? Hat er mit euch Kindern darüber gesprochen, wie es war, in einem faschistischen Regime zu leben? Und wenn nicht, was hat er euch stattdessen mit auf den Weg gegeben? Und wie viel davon ist bei mir gelandet?

Ich glaube, hinter all diesen Fragen verbirgt sich mein Wunsch nach Gutwerdung. In Ermangelung  eines besseren Wortes muss ich dieses nehmen. Gemeint ist der Wunsch, das nationalsozialistische Erbe auszugleichen, indem man seinen vorbildlichen Uropa aus dem Ärmel zieht, um sich selbst von jeglicher Schuld und Verantwortung für zukünftige Taten und Gedanken freizusprechen. Dass mein Opa den Krieg „ganz schrecklich“ fand, heißt noch lange nicht, dass er ein glühender Anti-Rassist war. Und um ehrlich zu sein; wenn er es gewesen wäre, würde ich das erstens wissen und es würde zweitens nichts an meiner rassistischen Sozialisierung ändern. Die ist nämlich mein echtes Erbe. Ich weiß das. Aber meine Oma nicht.

Family business 3 MB
ALLE ILLUSTRATIONEN: META BRONSKI

Und ich habe Angst. Ich habe Angst, dass ich nie die Gelegenheit haben werde, mit ihr darüber zu sprechen. Es gibt so vieles, was ich nicht über meine Oma weiß. So viele Diskussionen, die ich noch mit ihr führen will. Politische Debatten gehören zu meinem Familienbild dazu, seit ich mit 16 oder 17 Jahren angefangen habe, sie zu initiieren. Meine Oma hält sich meistens zurück und schließt sich, wenn überhaupt, meinem Opa an. In den Momenten, in denen ich klar erkennen kann, dass sie sich eine eigene Meinung nicht zutraut, während der Mann neben ihr sehr laut zeigt, dass er genauso wenig Ahnung hat, könnte ich ihr an den Hals fahren. „Sag doch auch mal was!“, möchte ich schreien. Das nationalsozialistische Frauenbild wird in unserer Gesellschaft aber leider nur allzu oft bestätigt.

Meine Oma und ich sehen uns nur noch selten. Seit ich für das Studium weggezogen bin, finden wir nur noch wenig Zeit füreinander. Dabei habe ich früher jedes Wochenende auf ihrer Couch „The Voice  of Germany“ geschaut. Jetzt spreche ich mit ihr über die neue Staffel und wie sehr die Show sich seit damals verändert hat. Wir sind wieder bei den leichten Themen. Als sie die Tür hinter mir zumacht, denke ich daran, dass ihr Haus irgendwann leer sein wird. Irgendwann werde ich die Tür selbst hinter mir zumachen müssen, weil meine Oma nicht weit von ihrem Haus auf dem Friedhof in der Nähe des Grabes ihres Papas liegen wird.

Eine meiner größten Ängste ist es, sie bis dahin nicht alles gefragt zu haben, ihr nicht alles gesagt zu haben, was mir auf dem Herzen lag. Dennoch laufe ich jetzt den schmalen Weg zum Haus meiner Familie, ohne das Thema „Was hat Ur-Opa Karl eigentlich gewählt?“ weiter vertieft zu haben. Ich muss an die Abende in meinem 14. Lebensjahr denken, die ich auf der Couch meiner Oma verbracht habe, um anschließend im Dunkeln genau diesen Weg zurückzulaufen. Auch damals musste ich oft an all die Dinge denken, die niemals debattiert zwischen uns liegen.

Ich würde gerne mit ihr darüber sprechen, wie beispielsweise ihre anti-islamische Haltung mit einer fehlenden Aufarbeitung der deutschen Geschichte zusammenhängen könnte oder was unsere Familiengeschichte mit dem aktuellen Weltgeschehen zu tun hat. Darüber, wie problematisch viele der Kinderbücher sind, die sie noch heute meinen Cousins vorliest. Das klingt komisch, oder? Angst, sich nicht genug zu streiten, bevor einer stirbt. Aber Streit ist das, was Familien ausmacht. In meiner haben wir es bisher immer hinbekommen, uns danach zu vertragen. In besonderen Fällen hat Streit die Beziehung sogar langfristig verbessert. Um den Jahreswechsel herum wollen wir zusammen alte Briefe durchgehen. Ich sehe mich schon umgeben von Sütterlinschrift auf Omas Couch sitzen. Danach werde ich wieder heimgehen. Den gleichen Weg wie immer. Vielleicht steigen mir auch ein paar Tränen in die Augen. Aber vielleicht denke ich dann daran, dass diese Rührseligkeit eine von vielen anderen Erbstücken ist, die ich von meiner Oma bekommen habe. Vielleicht ist ja auch die alte Couch eines dieser Erbstücke.

Autorin: Lena Frohn

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

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