Eine durchzechte Nacht und peinliche Storys gehen oft Hand in Hand. Welche grandiosen Zufälle aus solchen Situationen heraus entstehen können, zeigt sich nicht nur anhand meines eigenen Verlaufs, sondern auch an dem meiner Freundin Laura. Wir kennen uns schon ziemlich lange, ziemlich gut und sind beide etwas abgedreht.

Zufälle sind unserer Meinung nach eine der Grundzutaten für Erfolg. Lauras Gesangskarriere beginnt nach einer wilden Partynacht in München. Zu betrunken, um noch klare Entscheidungen treffen zu können, trifft sie vor dem Club auf einen Straßenmusiker, der gerade seinen Song spielt. Dreist und unbelehrbar, wie sie in diesem Moment nun mal war, geht sie auf ihn zu, reißt ihm das Mikro aus der Hand und fängt an zu singen. Vielleicht kennst du das ja aus eigener Erfahrung. Man verliert alle Hemmungen und ist mit einem Mal der Auffassung, dass man alles besser kann. Meistens ist es nicht so. Überhaupt nicht eigentlich. Ich weiß, wovon ich spreche. Einmal versaute ich den Auftritt zweier wirklich talentierter Künstler in einer Karaokebar, weil ich davon ausging, dass ich in meinem Rausch eine ziemlich flotte Nummer darstellte. War nicht so. Im Gegenteil, ich bekam es nicht mal auf die Reihe, die Textzeilen abzulesen und lallte nur vor mich hin. Und die Bar war bis auf den letzten Platz belegt. Super weird.

Naja, dann gibt es da aber auch noch die Ausnahmen. Laura zum Beispiel. Von der Lust gepackt, fängt sie also an zu Singen. Wirklich gesungen hat sie vorher nicht. Nur manchmal, heimlich unter der Dusche, wenn sie sich sicher war, dass niemand zuhause ist. Weil es ihr peinlich war. Aber an diesem Abend, da scheißte sie auf ihre Selbstzweifel und machte ihr Ding. Es stellte sich heraus, dass sie mehr Talent besaß, als der Straßenmusiker. Denn mit einem Mal füllte sich sein Koffer mit Kleingeld. Er riet ihr, dass sie ernsthaft über eine Karriere nachdenken sollte. Tat sie. Kurze Zeit später nimmt sie Gesangsunterricht und startet ihr eigenes Projekt. Mit Erfolg! Letzten Sommer veröffentlichte sie in Zusammenarbeit mit Stephan Schulz ihre erste eigene EP „Aufbruch“. Mit ihrem Sound, der ein Mix aus Jazz Noir der 50er Jahre, neoromantischen Anklängen, Poprock, Chanson und Blues ist, fällt sie auf. Nun kann man also guten Gewissens sagen, dass ihr besoffenes Ich ihr den Arsch gerettet hat. Denn dieser eine Abend, an dem sie sich aus dem Leben geschossen hatte, krempelte ihr komplettes Leben um. „Als ich in die funkelnden Augen des Straßenmusikers sah, der so begeistert von meiner Stimme war, wollte ich selbst Musik machen!“, sagt sie. Wie es danach mit ihr weiterging, erfährst du im Interview.

Hey Lauri! An dem Tag, an dem du dein Talent entdeckt hast, warst du ziemlich betrunken. Deine Karriere beruht demnach auf einem Zufall. Sei mal ehrlich, wie wahrscheinlich ist es, dass du ohne diese eine Partynacht dein Talent entdeckt hättest?
Hey Sof! Eher unwahrscheinlich. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass ich zu dieser Zeit wirklich nichts anderes gemacht habe, als feiern zu gehen (lacht). Ich bin überall gerade so durchgekommen, mittelmäßig bis schlecht. Erst das Singen verhalf mir zu einer Willensstärke in meinem Leben. Um auf deine Frage zurückzukommen, es hätte wahrscheinlich noch ein paar Jahre gedauert, bis ich mein Talent entdeckt hätte – wenn ich es überhaupt entdeckt hätte. Ein Hoch auf langweilige Partys und der Wille nach Adrenalin!

Na dann bleiben wir doch gleich mal bei dem Thema. Die mieseste Party, auf der du je warst?
Ich habe schon viele langweilige Partys erlebt …

Du hast relativ spät mit dem Singen angefangen. Wie bist du dazu gekommen, das Ganze zu deiner Karriere zu machen?
Singen war meine Therapie. Mir ging es davor nie richtig gut. Ich hatte einfach eine Leere in meinem Leben, keinen Sinn und keine Leidenschaft, nichts für das ich gebrannt habe. Jetzt bin ich das erste Mal nach vielen Jahren einfach glücklich. Ich habe Ansporn, Motivation und Willen entwickelt. Damals dachte ich mir, wieso eigentlich nicht? Es entwickelte sich schließlich in die Richtung an einer Karriere zu arbeiten. Für mich war von Anfang an klar, dass ich für die Kunst alles geben werde.

Gibt es etwas, was dich besonders gut durch diese Zeit gebracht hat?
Klar! Ganz wichtig waren und sind für mich die Erfolgserlebnisse – egal ob kleine oder große. Besonders, weil sie mir immer wieder einen Kick geben, auch wenn mal etwas nicht so läuft, wie ich es mir vorstelle.

Dann wirst du also bald ein Star?
Ich habe in den letzten Monaten viel darüber nachgedacht was ich möchte und wie ich meine Karriere und meine Talente ausbaue. Ich muss nicht sofort berühmt werden. Das Wichtigste für mich ist der Prozess, der Ausdruck, die Qualität und die Message. Da gibt es keinen Zeitdruck.

Ich erinnere mich noch an die Anfangszeiten. Du hattest viel Pech, auch was deinen ersten Manager anging. Möchtest du darüber reden?
Nein. Ich bin nur froh, dass ich keine gestörten Postkarten mehr bekomme (mit aufgeklebten, ausgeschnittenen, einzelnen Buchstaben aus diversen Zeitungen).

Wie bist du da wieder rausgekommen?
“Lauf, Laura, lauf.”

Na komm, ein bisschen genauer darfst du schon werden!
Ehrlich gesagt bekomme ich immer noch ab und zu Nachrichten, aber ich nehme das nicht mehr so ernst. Ich lasse mich von niemandem einschüchtern.

Ach, und da gibt es ja noch die Kolumbien-Story. Zusammen mit ein paar Einheimischen hast du einen Track aufgenommen, den du dann auf Spotify entdeckt hast. Mal wieder betrunken. Was war da los?
Ich war auf einer längeren Rucksack-Tour unterwegs und fing dort an, meine ersten Songs zu schreiben, wie z.B. “Free My Soul”. Als ich in Barranquilla nach einer Party aus Spaß in einem Studio eine Jam-Session startete, ahnte ich nicht, dass das Kollektiv – ohne meine Zustimmung – meine Stimme und meinen Namen mit dem Track veröffentlichen würde. Das war echt ne miese Nummer.

Passiert dir immer noch so viel Scheiße?
Gelegentlich.

Was machst du denn jetzt anders?
Ich habe mittlerweile einfach eine Menge dazu gelernt.

Wenn man dich so auf der Bühne trifft, kann man es kaum glauben, dass du eine kleine Verrückte bist, so brav, wie du dich teilweise präsentierst. Warst du schon immer so abgedreht?
Ja. Ich musste es irgendwie immer mal übertreiben. Schreiben und Singen hält mich einfach im Zaum und hat mich unter anderem auf den Weg gelenkt, auf dem ich mich jetzt befinde. Im Alltag bin ich abgedrehter, in der Kunst bodenständig. Wo viele Künstler die “verrückte Seite” ausleben, kann ich meine “normale Seite” ausleben. Einfach ein wenig umgedreht.
Aber es wird definitiv in der Zukunft auch etwas von meiner abgedrehten Seite auf der Bühne zu hören und sehen geben, wenn die Zeit reif ist.

Und welche Laura magst du persönlich lieber?
Ich würde das nicht trennen, das sind einfach verschiedene Seiten von mir.

Mal was anderes. Wie kommt man heutzutage eigentlich an Gigs?
Ausschnitt zeigen! (lacht)

Und jetzt mal mit etwas Ernst bitte …
Naja, ich schreibe die Veranstalter*innen auf eigene Faust an und nehme dann Kontakt zu ihnen auf. Manchmal spreche ich sie auch auf Events an.

Ist das anstrengend?
Teilweise schon. Irgendwann werde ich das mal an einen Profi abgegeben, damit ich meine volle Aufmerksamkeit auf meine Kunst richten kann. Doch jetzt gerade finde ich es noch spannend, dass ich mich um den ganzen Kram selbst kümmere. Die Erfahrungen, die ich dabei mache, kann mir niemand nehmen.

Hast du mal ein richtig freches Angebot bekommen oder eine richtig bescheuerte Absage?
So richtig frech nicht.

Kommt es oft vor, dass dich Leute fragen, ob du „gratis“ auf ihren Partys singst?
Ja das passiert ab und zu.

Geht dir das auf den Sack?
Ja. Außer für Soli- Veranstaltungen. Da singe ich gerne 4 free.

Man könnte also meinen, dass manche Menschen davon ausgehen, dass Künstler=Hure?
Nein, das ist ja nicht überall so. Es gibt auch gut bezahlte Auftritte. Das kommt einfach darauf an.

Du suchst aktuell nach einem neuen Projekt. Doch irgendwie klappt es einfach nicht. Wird Berlin noch zum Karrierekiller für dich?
Nein auf keinen Fall. Berlin hat mich wahnsinnig in meiner Kunst und in meiner Persönlichkeit geformt. Hier wimmelt es nur so von Künstler*innen, und man braucht einfach Zeit und Geduld, um die richtigen Leute zu treffen. Es sind Erfahrungen, die man sammelt, dass es nicht mit jedem Musiker oder mit jeder Musikerin direkt in einer Zusammenarbeit funktioniert ist klar. Man entwickelt sich ja ständig weiter und jeder Künstler*in hat im besten Fall eine eigene Individualität und Charaktereigenschaften. Manchmal ist es auch die Herausforderung sich anzupassen und aufeinander einzulassen. Das kann aber auch spannend sein, weil man sich selber vielleicht noch mal von einer ganz anderen Seite kennenlernen kann. Ich nutze die Zeit, um mich in meinem Handwerk weiterzuentwickeln, stimmlich, Texte zu schreiben oder Musik zu komponieren. Mache einfach meinen eigenen Shit!

Mit einigen dieser Fragen habe ich dich jetzt schon ein bisschen bloßgestellt. Da wir seit Jahren befreundet bin, ist es nur fair, wenn du mir zum Abschluss auch eine Frage stellen darfst. Was willst du wissen?
Wo findest du deine größte Inspiration, Texte zu schreiben?

Sofia: Nicht ich finde die Inspirationen, sie finden mich.

https://open.spotify.com/artist/060duYsbrXFx0FDnlhs72T?si=Gq9-TTNbSd6ARfARg-BVJQ

www.laurakorinth.jimdofree.com
www.instagram.com/laurakorinth
www.facebook.com/laurakorinthmusic

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