Maria war schon immer ein bisschen gelb. Bereits als ich sie kennenlernte, fiel mir auf, dass ihre Haut merkwürdig stumpf war. Während der Arbeitszeit aß sie nie etwas. Sie bevorzugte Nikotin.

Ein bisschen erinnerte sie mich an Selma von den Simpsons.. Mitte vierzig, nur in hager.

Dass sie mich zum Rauchen mit ins Patientenbad nahm. Dass sie hilflose Patient:innen in einem Ton ansprach, der menschenverachtend war. Dass sie über die Kolleg:innen lästerte, sobald diese außer Hörweite waren. All das gab mir zu denken. Doch ich war siebzehn und es war meine erste Woche auf der Kardiologie. Vorerst gab sie mir das trügerische Gefühl, nur zu mir nett zu sein und ich ahnte, dass dies nicht so bleiben würde.

Fünf Wochen erst wohnte ich in der neuen Stadt und kannte praktisch keine Sau. Als Maria mich in meiner zweiten Einsatzwoche fragte, wo ich wohne und ob sie mich mal besuchen kommen könne, wunderte ich mich.

Doch da ich es mir sehr früh zur Gewohnheit gemacht hatte, Menschen nicht nach dem ersten Eindruck zu bewerten, sagte ich zu.

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Illustration: Frieda

»Wie schön du wohnst«, strahlte sie mich an, als ich die Tür öffnete. »Es ist riesig!« Sie drückte mir ein neues Kochbuch in die Hand und schob sich an mir vorbei. Da standen wir nun. Und irgendwie war ich blockiert. Mir fiel nichts ein.

»Lebst du allein hier?«, fragte sie mich aus, »Nein, oder? Das kann doch nicht sein.«
Ich stotterte ein paar Worte und folgte ihr durch die offene Küche bis raus auf den Balkon. »Unglaublich, was ein Ausblick!«

Langsam begann ich mich richtig unwohl zu fühlen. Maria haftete eine Aura an, die gelinde gesagt, nicht ganz gesund wirkte. Ihre gelben Fingerspitzen zogen meinen Blick in ihren Bann. Und als ich den Geruch nach verwelkten Vasenblumen an ihr wahrnahm, ekelte ich mich vor ihr.

»Wir könnten mal etwas zusammen kochen«, schlug sie vor. Aber mehr als ein »Hm..«, wollte ich nicht dazu sagen.

Ihre Schritte bewegten sich geradewegs zu meinem Wohnzimmer, als sie abrupt stehen blieb. Eine Hand hatte sie – wie zur Warnung – erhoben. Verwirrt blieb ich stehen und machte mich auf die nächste Instanz aus Irrsinn gefasst, welche augenblicklich folgte.

»Mein Gott..«, ächzte sie und ließ sich vor mir auf die Knie fallen, »Riechst du das?«

Fragte sie mich das gerade wirklich..?

Sie war absolut nicht greifbar für mein siebzehnjähriges Ich. Die einzige Wahl, die mir blieb, war warten. Warten und ihr nie wieder die Tür zu öffnen.

Wie lange wollte sie da knien..?

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Illustration: Frieda

Als sie anfing, ihre Nase nach unten zu drücken, überlegte ich, ob ich sie bitten solle zu gehen. »Hier! Ich rieche das. Das gibt’s doch nicht. Der Belag ist doch geklebt!«, stieß sie triumphierend aus. Der harte Boden leuchtete himmelblau unter ihren gelben Fingerspitzen.

Strohgelb.. war sie. Blümerant war mir..

Ich kann nichts sagen. Zu grotesk war die Situation, wie diese Schüler:innenbeauftragte da vor mir herumkroch. Mein Augenlid begann unangenehm zu zucken, so unter Strom war ich.

Sie ist irre..!

Mit beiden Händen betastete Maria die aneinander liegenden Übergangsstellen zum nächsten Raum im Türbereich. Dabei gelang es mir gedanklich, Worte für ihren Rausschmiss zu sortieren.

»Möchtest du dir die Hände waschen nach dem Schreck? Ich habe jetzt keine Zeit mehr. Meine Mitbewohnerin kommt gleich und wir müssen lernen«, war das, was mir als Erstes einfiel.

Sie wusch sich ihre Hände nicht, lächelte milde und ging. Die Energie im Raum änderte sich schlagartig, als sie die Wohnung verlassen hatte. Unbewusst atmete ich auf.

Das Kochbuch warf ich in den Müll. Im Leben würde ich daraus nichts kochen.

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Illustration: Frieda

Am nächsten Morgen war ich gemeinsam mit Maria in einem kardiologischen Teilbereich eingeplant. Ich war gewappnet. Dachte ich. Bis ein Patient vor meinen Augen binnen Sekunden an einem Herzinfarkt starb.

Meine erste Leiche..

Viele würden folgen. Doch das war mir damals nicht klar.

In diesem besagten Frühdienst fand ich mich Minuten nach des Mannes Exitus allein in diesem Zimmer. Ich war immer noch siebzehn Jahre alt.

Marias Worte wehten als schemenhaftes Echo ein zweites Mal durch mein Hirn. Eine Eigenschaft, die mir schon immer zugute kam, wenn ich durch diverse Denkaktivität meinem Gegenüber nicht zuhörte. Diese Eigenschaft legte ich niemals ab.

»Zieh ihn aus. Und mach alles sauber«, hatte sie mich – laut meinem Kopfecho – wohl angewiesen. Dass bei toten Menschen verschiedene Flüssigkeiten aus allen möglichen Körperöffnungen austreten, verschwieg sie mir. Vielleicht war es ihr auch scheißegal.

Mit Blick auf diesen wächsernen Körper öffnete ich das Fenster. Es war, als atme das ganze Zimmer aus. Ich machte mich an die Arbeit und als er frisch gekleidet im Bett lag, ließ ich seine Angehörigen zu ihm, damit sie sich angemessen verabschieden konnten.

Von Maria sah ich zwei Stunden lang nichts mehr. Mittags war sie mit administrativen Tätigkeiten beschäftigt und beachtete mich nicht. Dieser Tag veranlasste mich, zur Schulleitung zu gehen, um den Vorfall zu melden. Mir wurde zugesichert, dass dieses Vorgehen nicht der gängigen Praxis entsprach.

Am Folgetag würdigte mich Maria keines Blickes und begann mich vor dem gesamten Team zu diskreditieren. Wahlweise bedachte sie mich mit eisernem Schweigen. Die restlichen drei Wochen waren entsprechend ernüchternd für mich und meine von ihr ausgestellte schlechte Beurteilung wurde abschließend im Lehrerzimmer thematisiert.

Dabei erfuhr ich, dass ich der erste Azubi war, den sie wieder unter ihre Fittiche nehmen durfte. Nach drei Jahren. Angeblich klappte es vorher nicht so gut. Sie sagte, die Schüler:innen seien sehr renitent und ungeeignet für diesen Beruf gewesen. Alle.

Maria sah ich nie wieder. Später erzählten Mitschüler:innen, dass sie gekündigt habe.

Warum ich so wurde, wie ich heute bin, muss ich nicht mehr hinterfragen..

Der Grundstein war gelegt. Ein ganzes Fundament, welches meine Abneigung gegenüber Vorgesetzten begründet, die nicht in der Lage sind, auf Augenhöhe zu kommunizieren. Ob Professor:in, Verlagsleiter:in oder CEO. Ich mache keinen Unterschied.

Allein die Fähigkeit, fair und emphatisch agieren zu können, ist für mich entscheidend. Bis sich diese Tugend herauskristallisiert, beobachte ich..

Beitragscover © Pia Rehwald

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