Freie Grenzen, eine Währung, Produkte aus ganz Europa. Reisen ohne Pass, arbeiten, wo man möchte, Erasmus im Ausland — in Frankreich, England, Deutschland, Österreich. Alles irgendwo das Gleiche. So sind wir aufgewachsen, als europäische Bürger:innen. Genauso wie Katie. Sie ist 23, Britin und studiert im Master Politikwissenschaften in London. Aber für sie sieht die Realität seit ein paar Wochen anders aus.

DIEVERPEILTE: Du lebst als Britin in London, aber das ist nicht, wo du aufgewachsen bist, richtig?
Katie: Genau, beide meine Eltern sind britisch, aber ich wurde ich Frankreich geboren und  bin in einem kleinen Dorf in der Nähe von Paris aufgewachsen. Mein Vater hat Deutsch und Französisch studiert und zog dann für eine Stelle nach Frankreich. Meine Mutter folgte ihm später — für die Liebe. Sie haben 20 Jahre in Frankreich gearbeitet, liebten es und sind dort geblieben. Jetzt werden sie wahrscheinlich für immer in da bleiben. Ich bin mit 17 nach Großbritannien gezogen und wohne seitdem dort. Aber ich bin eindeutig mehr europäisch als britisch oder französisch.

Wo hast du dich zuhause gefühlt, als du aufgewachsen bist?
Definitiv Frankreich, einfach, weil ich dort groß geworden bin. Wir sind auch nie umgezogen oder so. Aber ich habe immer eine starke Bindung zu London gespürt, weil beide meiner Eltern von dort kommen und wir fast immer in den Ferien zu Großeltern oder Freund:innen gefahren sind. Daher kenne ich London besser als Paris zum Beispiel.

Hast du dich mit einem der Länder stärker identifiziert?
Nein, ich hatte bei beiden nicht das Gefühl, dass ich so ganz dazugehöre. Obwohl ich in der französischen Kultur aufgewachsen bin, gab es immer ein paar Dinge, die ich nicht wirklich nachempfinden konnte. Vom Britischen — nachdem es meine Muttersprache ist und ich mit britischem Fernsehen groß geworden bin — habe ich mehr von der Popkultur mitbekommen. Aber wenn ich mit britischen Kids abgehangen bin, habe ich mich trotzdem nicht ganz zuhause gefühlt, weil ich den Slang nicht kannte oder die Musik, die sie hörten. Jetzt bin ich wahrscheinlich kulturell mehr britisch, weil ich dort seit vier Jahren lebe. Davor habe ich mich immer gefragt: „Wo gehöre ich dazu? Ich weiß es nicht.“ Aber ich habe zu Europa gehört!

Im Juni 2016 hat sich das dann geändert. Wo warst du während des Referendums?
Ich war sogar in Frankreich. Es war das erste Mal, dass ich an einer Wahl teilgenommen habe, aber ich wählte per Post. Ich bin mit meinem Dad wach geblieben und wir haben die Wahl im Fernsehen verfolgt. Um Mitternacht, als die Ergebnisse kamen, räumte Nigel Farage, der Anführer der Leave-Kampagne, dann seine Niederlage ein und mein Vater sagte zu mir: „Es ist alles gut, Katie, du kannst ins Bett gehen. Schlaf ruhig.“ Also ging ich entspannt schlafen mit dem Gedanken, dass es nicht passieren würde.

Was geschah am nächsten Morgen?
Dann, um sechs in der Früh, kam mein Dad ins Zimmer und sagte angespannt: „Katie, wir sind raus.“ Ich war gerade erst aufgewacht und sagte: „Wie raus? Wohin gehen wir? Ich verstehe nicht, ich bin ja noch im Bett.“ — „Nein, wir sind raus aus der EU.“ Mir sank das Herz in die Hose und ich musste weinen. Dann bin ich aufgestanden und habe für drei Stunden nur ferngesehen. Die ganze Zeit dachte ich: „Oh mein Gott, ich kann nicht glauben, dass wir das gemacht haben.“ Es war wirklich herzzerreißend. Ich hatte das Gefühl, dass mein Land den anderen Teil meiner Identität als Europäerin abstößt. Und seitdem ist es scheiße! (sie lacht mit einem verzweifelten Unterton)

Ich stelle mir das sehr krass vor. Es fühlte sich damals nicht so an, als würde es passieren und kam irgendwie aus heiterem Himmel.
Ich bin offensichtlich ziemlich links (lacht) und in den linken Medien hat die Remain-Party einen enormen Teil der britischen Gesellschaft einfach total ignoriert, nämlich die Arbeiter:innenklasse. Die Remain-Kampagne war so sehr darauf fokussiert, die weltoffene, liberale Elite an Bord zu holen. Inzwischen hat die Leave-Kampagne alle angesprochen, die sich ausgeschlossen gefühlt haben. Natürlich war es für mich unvorhersehbar, aber ich habe seitdem Analysen dazu gemacht und wir hätten es kommen sehen müssen.

Wurde das Thema in deinem Studium oft diskutiert?
Ja, ich hatte einen Kurs mit einem Professor, der zu den Hauptfinanzberatern für den Brexit gehörte und sehr Anti-Brexit war. Trotzdem hatten wir zwei oder drei Leute in der Klasse, die die Fakten darüber lernten, wie schrecklich der Brexit für die Wirtschaft war und die ihn immer noch komplett unterstützten. Das haben sie während des ganzen Kurses nicht geändert, ich war schockiert.

Wie haben andere in deinem Umfeld über den Brexit gedacht?
Nun, im Allgemeinen haben die Leute, die ich kenne, für Remain gestimmt. Aber an meiner Universität habe ich manche Leute getroffen, die für den Brexit waren, und viele Freunde meiner Eltern haben für Leave gestimmt. Wir haben eine Studie über die Verteilung, wer für den Austritt gestimmt hat, an der Uni durchgemacht und es hing nicht mit Wohlstand zusammen, sondern hauptsächlich mit Bildung. Die Freunde meiner Eltern, die für den Brexit gestimmt haben, waren sehr reich und ich hätte gedacht, dass sie von der EU profitieren müssten. Aber sie hatten nicht studiert und haben so vielleicht nicht unbedingt über die tatsächlichen Vorteile und kulturellen Aspekte gelernt. Für sie ging es hauptsächlich darum, „die Souveränität zurückzuerobern“.

Der Brexit hat auch einen Generationenkonflikt aufgezeigt. Die Wahl wurde zu einem großen Teil entschieden, weil ältere Wähler:innen für Leave gestimmt haben, obwohl die Jungen bleiben wollten. Wie geht es dir damit?
Ich bin wirklich wütend. Es gab noch eine Statistik: Als der Brexit tatsächlich erfolgte, waren 3 Prozent der Wählerschaft, die für Leave gestimmt hatten, schon tot. Sie haben also nicht mal mehr erlebt, wie es passiert ist. Das waren alles einfach „angry old British people“. Ich glaube, das ist eine kulturelle Sache. Die Generation, die für den Brexit gestimmt hat, Boomer, Nachkriegsgeneration, denken immer noch, dass sie dieses „entitlement“ haben, diesen Anspruch. „We have to make Britain great again. Wir sind das beste Land, das für sich selbst steht. Wir brauchen die Europäische Union nicht.“

Und das hat die Politik ausgenutzt?
Dieser ganze Mythos, dass Großbritannien so großartig ist. Ich glaube, das hat die Abstimmung immens gedrängt. Zur gleichen Zeit haben wir die Jungen, die die Situation anders sehen und jetzt mit dem Brexit leben müssen, keine Chance bekommen zu wählen. Ich finde, sie hätten das Wahlalter herabsetzen sollen, aber die Tories (Anm. Conservative Party) haben alles getan, um sicherzustellen, dass die Alten wählen dürfen und die Jungen nicht.

Das klingt nicht nach besonders fairen Umständen.
Aufgrund der ganzen Cambridge Analytica-Sache war die Wahl nicht mal demokratisch und das haben sie auch zugegeben. Das ist glaube ich die Sache mit dem Referendum. Obwohl es illegal war, können sie ein Referendum nicht für ungültig erklären, weil es rechtlich nicht bindend ist. Sie haben also das perfekte Schlupfloch für eine undemokratische Wahl gefunden (lacht). Ich glaube nicht mehr wirklich an die britische Demokratie. Das ist sehr deprimierend.

Als für den Brexit gestimmt wurde, dachtest du da, dass sie das durchziehen werden?
Ehrlich gesagt, dachte ich noch immer nicht, dass es passieren würde. Wir haben sogar im Unterricht mit meinem EU-Politik-Professor darüber gesprochen und selbst er glaubte das nicht. Er meinte: „Okay, sie haben gewählt, aber macht euch keine Sorgen, es wird nicht durchgehen. Sie werden ein paar Jahre ein Theater veranstalten und dann doch einen Rückzieher machen.“ Aber sie haben es gemacht! Und wir haben den schlechtesten Deal überhaupt bekommen.

Was hat sich für dich geändert, jetzt, wo Großbritannien die EU tatsächlich verlassen hat?
Ich habe noch keinen französischen Reisepass, also kann ich nur für 90 Tage in Europa bleiben, dann brauche ich ein Visum. Ich kann auch nicht mehr in Europa arbeiten ohne Visum. Wenn ich eine Grenze überfahre, bekomme ich einen Stempel in den Pass. It sucks for me. Der Punkt ist, dass ich nicht mehr wirklich zurück nach Hause ziehen kann, ohne, dass ich die französische Staatsbürgerschaft bekomme. Aber das ist ein wenig kompliziert. Technisch gesehen bin ich Französin, ich erfülle alle gesetzlichen Voraussetzungen. Aber mir fehlt ein Nachweis, dass ich zu meinem 18. Geburtstag in Frankreich war, also geben sie mir die Staatsbürgerschaft nicht. Ich bräuchte offizielle Dokumente wie Schulzeugnisse, aber ich habe mit 17 schon die Schule abgeschlossen.

Was noch?
Außerdem geht die Wirtschaft in Großbritannien den Bach runter. Meine Freund:innen, die gerade dort sind, haben erzählt, dass es Engpässe im Supermarkt gab. Nicht einfach wegen dem Coronavirus, sondern europäisches Gemüse. Nicht gut für Großbritannien.

Ich habe noch eine Frage, die mir aber schon ziemlich klar scheint: Fühlst du dich trotzdem als Europäerin?
Ja, ich bin definitiv immer noch Europäerin. Europäerin mit gebrochenem Herzen (lacht). Ich bin sehr traurig, dass mein Mutterland entschieden hat, die EU zu verlassen.

Was wünscht du dir, dass sich ändert?
Nun ja, ich hoffe, dass es eine kleine Chance gibt, dass wir zurück in die EU kommen werden, aber ich glaube nicht, dass das mit dieser Regierung passieren wird. Also haben wir nur eine Möglichkeit, um zu überleben und zwar Großbritannien so attraktiv wie möglich zu machen. Ähnlich wie die skandinavischen Länder — eine Art grüne Utopie. Eine kleine Insel, die wir mit grüner Energie betreiben, die die ökologische Revolution vollbracht hat und in der wir die Hindernisse für die Einwanderung gesenkt haben und wieder Leute ins Land lassen. Das ist sehr unwahrscheinlich, würde aber wirklich helfen.

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE / Foto: Charlotte

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