WARNUNG: Im folgenden Beitrag wird Demütigung, Vernachlässigung und Ablehnung im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt thematisiert.

Ich schaue auf das Display meines Smartphones hinunter und mir schießen die Tränen in die Augen. Die Buchstaben im offenen Chat verschwimmen zu einem Gekrakel und ich werfe mein Handy auf mein Bett. In mir wirbelt alles durcheinander, Wut und Frustration und vor allem diese gottverdammte Unsicherheit – ich vergrabe meine Hände in meinen Haaren und blinzle, bis sich meine Sicht wieder schärft, bis das verräterische Kitzeln in meiner Nase verschwindet und ich nicht mehr kurz vorm Heulen bin.

Gerade noch habe ich meiner besten Freundin geschrieben, dass mir eine neue Grenze bewusst geworden ist, die ich ziehen muss – eine Grenze, die meine Freund:innen betrifft. Wenn ich morgens aufwache und direkt alle meine Nachrichten lese und womöglich noch beantworte, brenne ich extrem schnell durch, – ich werde fast schon rasend beim Anblick neuer notifikations, möchte mich komplett ausklinken, brauche einfach Stille. Meine Wut ist aber mir selbst zuzuschreiben: Es ist nämlich ganz klar meine Aufgabe, zum richtigen Zeitpunkt zu sagen: Hey, ich brauche erstmal Zeit für mich und widme mich dem später.

Aber: Zwei blaue Haken. Wenn ich mein Handy wieder entsperre, sind da immer noch diese zwei blauen Haken. Ich hasse es und ich hasse mich selbst dafür, weil ich von niemandem eine zeitnahe Antwort fordere. Niemand schuldet mir das. Aber was ist, wenn meine beste Freundin sauer ist, weil ich sie so vor den Kopf stoße? Was ist, wenn ich gar nicht das Recht dazu habe, zu sagen, dass ich gerade keine Energie für sie habe? Was ist, wenn mein Bedürfnis total unsinnig ist? Habe ich sie dann nicht verletzt? Denkt sie gerade darüber nach, was für eine selbstsüchtige Person ich bin? Mein Gedanken drehen sich nicht nur im Kreis, sie springen im Neuneck von einer Spitze zur anderen.

Sie antwortet mir nicht. Mit Absicht, meint mein Kopf.

Ich tippe ein paar Worte, lösche sie. Tippe erneut, radiere alles wieder weg. Meine Lippen tun weh, so fest kaue ich auf ihnen rum. Ich fühle mich nicht wie ich selbst, erwachsen und selbstbestimmt, sondern wie ein kleines, dummes Kind. Ich fühle mich, als wäre ich fünf. 

Fünf und am Ärmel meiner Mutter ziehend. Ich weiß nicht, was ich gesagt habe, ich weiß nicht, was ich gemacht habe, aber eine Sache kann ich sagen: Was auch immer es ist, ich bin schuld. Während ich mich zu ihr gedreht habe, in einem verzweifelten Versuch, sie dazu zu bringen, mich anzuschauen, steht sie von mir abgewendet an der Spüle und schrubbt seit einer Ewigkeit an ein und demselben Glas.

Ihr Gesicht ist wie versteinert, die Lippen zusammengepresst zu einer dünnen Linie. Ihr langes Haar hat sie heute in einen Zopf geflochten. Meine Mutter ist hübsch mit ihren Sommersprossen, und ich liebe es, wenn sie lacht, wenn sie gute Laune hat und ich mit ihr spielen kann. Aber jetzt ist sie sauer und enttäuscht, ich sehe es genau an ihren Bewegungen, an ihrem ganzen Ausdruck.

Ein silent treatment bezeichnet ein Verhalten in dem dein Gegenüber sich weigert, mit dir zu kommunizieren, trotz deiner Bemühungen zur Kommunikation. Was in vielen Situationen auf eine Schwäche der Kommunikationsfähigkeit zurückführen ist, kann jedoch auch mit Absicht gezielte Manipulation sein.

Ich sage immer wieder ihren Namen, den einzigen, den ich für sie habe, „Mama? Mama?“, aber sie schweigt. Ich habe Angst. Ich entschuldige mich. Ich fange an zu weinen. Ich habe alles falsch gemacht und jetzt werde ich dafür bestraft. Warum mache ich immer alles falsch? Mein Vater ist schon schlimm genug zu ihr, warum bin ich genauso? Ich kann mich nicht vom Fleck bewegen bis mich meine Mutter bemerkt. Alles, was ich will, ist, dass meine Mutter wieder lacht. Für mich ist nichts anderes von Bedeutung, als meine Mutter – und dass sie mich lieb hat. Aber meine Mutter schweigt.

Erst meine zweite Therapeutin konnte mir erklären, dass auch Schweigen eine Art der Bestrafung sein kann. Sie ist die zweite Psychotherapeutin, bei der ich in Behandlung bin und die erste Zeugin davon, wie ich versuche, meine Kindheit aufzuarbeiten. Mittlerweile bin ich 23 und stehe kurz vor meinem Master-Abschluss. Mein Abitur habe ich mit 17 gemacht. Die neunte Klasse habe ich übersprungen. Nach außen hin wirke ich wie die Hauptprotagonistin einer Erfolgsgeschichte, vor allem als Migra-Kind, – der jüngsten Tochter von Migrant:innen.

Eine meiner schlimmsten Erinnerungen konnte ich erst im letzten Jahr in den langen Katalog von Demütigung, Vernachlässigung und Ablehnung, den mir meine Eltern überreicht haben, einordnen. Ich muss 14 gewesen sein oder jünger und kannte die Ehe meiner Mutter und meines Vaters überwiegend als eine Beziehung, die von Gewalt und Auseinandersetzungen beherrscht ist. Ich bin damit aufgewachsen, dass meine Mutter in meinem abgeschlossenen Kinderzimmer auf ein paar Decken am Boden geschlafen hat, aus Angst, mein Vater könnte mir, aber vor allem ihr, etwas antun. In dieser bestimmten Erinnerung haben meine Eltern gestritten und ich, die sich selten einmischte und lieber in ihr Zimmer flüchtete und sich die Ohren zuhielt oder aus dem Haus lief, habe ausnahmsweise meinem Vater zugestimmt.

Sobald ich fertig gesprochen hatte, wusste ich schon, dass ich einen großen Fehler begangen hatte. Und meine Mutter, der in diesem Moment jegliche Menschlichkeit entglitt, schrie mich an, was mir einfallen würde, und dass sie meine Mutter sei und dass sie alles für uns Kinder geopfert hätte. Mein Körper brach in Angstschweiß aus. Kurz danach packte sie ihre Tasche, da der Plan für den Tag eigentlich gewesen war, einkaufen zu fahren – und aus einem Instinkt tief in mir drinnen wusste ich, wäre ich nicht mitgefahren, hätte ich die Situation nur noch schlimmer gemacht.

Im Auto schwiegen wir uns an. Meine Mutter bog auf die Bundesstraße. Wir wohnten ländlich. Es dauerte nicht lang, bis sie mich erneut anschrie. Dass sie uns Kinder viel strenger hätte erziehen müssen. Dass sie uns hätte schlagen müssen. Mit dem Gürtel. Vielleicht wäre dann was aus uns geworden. Alles nur nicht die Kinder, die sie jetzt hatte. Kinder, die sich einen Dreck um sie kümmerten und ihrem Vater, dem Geldverdiener, in den Arsch kriechen würden. Ich habe das alles schon so oft gehört, dass die Worte meiner Mutter nahezu berechenbar wurden. Allerdings saßen wir in einem Auto. Und meine Mutter hinter dem Steuer. Ich habe nicht damit gerechnet, dass sie das Gaspedal durchdrückt und ich die Tachonadel weit über die Geschwindigkeitsbegrenzung von hundertzwanzig hinausschießen sehen würde.

Mein Vater hat meine Mutter geschlagen. Ich bin mit einer Abscheu gegenüber meinem Vater in die Volljährigkeit geschlittert, die immer noch in mir lebt. Jedes meiner Elternteile ist offensichtlich psychisch krank. Sie lehnen Behandlungen jedoch grundsätzlich ab, – was in der Familie passiert, bleibt in der Familie. Wir kommen damit schon klar. Im Gegensatz zu meinen älteren Schwestern, bin ich als jüngste Tochter im Haushalt übrig geblieben und habe von da an als eine Art Schachfigur existiert, fremdbestimmt und kontrolliert, um alles dafür zu tun, dass es meiner Mutter gut ging. Denn meine Mutter, und das habe ich schon früh verstanden, hatte immer wieder Zusammenbrüche, während denen sie Suizidgedanken ausdrückte und damit drohte, sich zu suizidieren. Jeden Abend vor dem Schlafengehen ging ich zu meiner Mutter und sagte zu ihr, Mama, ich hab dich lieb, und anhand ihrer Reaktion konnte ich genau sagen, wie ihre Stimmung aussah. Ob sie wütend auf mich war oder zutiefst depressiv. Noch jetzt fällt es mir schwer, diese Phrase gegenüber anderen Menschen zu äußern – zu lange war sie das Instrument meines Überlebens.

Als Kind sind mir viele Zusammenhänge zwischen dem Verhalten meiner Mutter gegenüber und dem Verhalten meines Vaters ihr gegenüber nicht aufgefallen. Ich war zehn oder elf, als mir meine Mutter eine Ohrfeige verpasste, weil ich am Morgen vor einer Klassenfahrt im Stress ihr gegenüber laut wurde. Ich verbrachte drei Tage in einer Jugendherberge voller Angst vor meiner Rückkehr und dem Wissen, dass ich etwas Falsches getan hatte. Dass meine Mutter mich wegen meines Fehlers geschlagen hatte. Denn die Konsequenz, mit einem gewalttätigen Vater aufzuwachsen, war an allererster Stelle die, dass ich meine Mutter als Opfer sah. Sie war es, die am meisten litt. Sie war es, die mich vor Schlimmerem beschützte. Bis ihre eigenen Wutausbrüche fast denen meines Vaters glichen und sie irgendwann zu einer solchen Bedrohung wurden, dass ich mich nachts in meinem Kinderzimmer einschloss. Obwohl meine Mutter auch einen Schlüssel zu meinem Kinderzimmer hatte.

Während ich im Auto darüber nachdachte, kletterte die Nadel auf dem Tachometer weiter hoch – bis an der Hundertsechzig vorbei.

Ich schaute weg und klammerte mich an die Beifahrertür. Ich flehte meine Mutter aufzuhören, während eine Panikattacke sich aus meinem Brustkorb ihren Weg nach oben bahnte. Meine Mutter lachte über meine Reaktion. So wäre es ihr früher auch gegangen, sie kenne das: das Hyperventilieren, die Angst. Aber das war ja allen egal. Im Innenraum des Wagens, das ich auch fuhr, als ich meinen Führerschein endlich hatte, drohte meine Mutter mir an diesem Tag das Fahrzeug von der Straße zu lenken und uns beide umzubringen. Vor einem Gericht würde dies als erweiterter Suizid gelten.

Mittlerweile habe ich wenig Kontakt zu meinen Eltern. Trotz meiner Erfahrungen fühle ich mich, als würde ich meine Mutter im Stich lassen, sollte ich die Beziehung komplett beenden. Allerdings weiß ich auch, dass sie es war, die mich wissen ließ: Kinder schulden ihren Eltern Respekt und Dankbarkeit auf ewig. Mit 15 nahmen meine eigenen Suizidgedanken zu: Jeden Morgen schlug ich die Augen auf und fragte mich: Warum bin ich wieder aufgewacht? Warum muss ich noch einen Tag aushalten? Ich fragte mich, wieso ich meinen Eltern dankbar sein sollte, weil mich niemand gefragt hat, ob ich überhaupt leben wollte.

Niemand meiner Schulfreund:innen wusste, was in unseren vier Wänden passierte. Erst als ich ausgezog und meinen jetzigen Freundeskreis an der Uni kennenlernte, konnte ich Geschehenes zum ersten Mal zögerlich benennen. Zwar hat meine Stimme gezittert und die Worte blieben mir regelmäßig im Hals stecken, aber ich sprach das erste Mal über die Menschen, die ich bis dahin meine Familie nannte. So erfuhr ich auch, dass meine Geschichte und die meiner besten Freundin sich überschnitten.

Meine beste Freundin, der ich jetzt endlich eine Nachricht schicke: „Hey, ich weiß, dass du wahrscheinlich einfach mit etwas anderem beschäftigt bist, aber wenn du mir kurz sagen könntest, dass du mir gerade nicht das silent treatment gibst, wäre ich dafür sehr dankbar.“

Meine beste Freundin öffnet unseren Chat und liest meine letzte Nachricht. Sie fängt an zu tippen. Und schon laufen mir die Tränen herunter, obwohl ich ihre Antwort noch nicht einmal erhalten habe – zu groß ist die Scham, mich wie ein kleines Kind zu benehmen, zu real ist die Angst davor, dass all meine irrationalen Befürchtungen gleich bestätigt werden.

„Ich gebe dir nicht das silent treatment. Ich wusste nur noch nicht, wie ich auf deine Nachricht reagieren sollte und habe deshalb erstmal nicht geantwortet.“

Ich wische mir übers Gesicht. Meine Nase läuft und ich bedanke mich bei ihr für die Erläuterung, meine Hände und Finger sind ganz zittrig, während wir uns weiter unterhalten. Meine beste Freundin weiß, dass ich ihr nicht unterstelle, dass sie mir mit Absicht weh tun will. Das wusste sie nicht immer. Genausowenig wie ich – ich verstand nur, dass ähnliche Situationen immer dieselbe abgrundtiefe Angst in mir auslösen, bis meine Therapeutin aufzeichnete, dass ich unabsichtlich die alten Erfahrungen aus meiner Kindheit mit in die Gegenwart nehme. Meine beste Freundin und ich verstehen uns oft auch ohne Worte, – aber dass Stille für mich in spezifischen Situationen triggernd sein kann, habe ich ihr gesagt: „Ich glaube, das war eines der schlimmsten Dinge, die meine Eltern mit mir gemacht haben. Weil diese Panik so ergreifend ist. Sie nimmt einfach jeden noch so kleinen Teil von mir ein. Und am Ende habe ich keine Ahnung, wo unten und oben, was richtig und falsch ist.“

Wenn ich mein Handy weglege, glühen meine Wangen vor Erschöpfung. Das ist alles, was ich von meiner Mutter gebraucht hätte: ein offenes Ohr, ihre geistige Anwesenheit, einfach ihre Präsenz. Ich hätte eine Mutter gebraucht, die ihre Emotionen selbst regulieren kann und nicht ihre Kinder dafür benutzt. Die ihr Kind im Kindergartenalter nicht anschweigt, als würde es gar nicht existieren, weil ihr Ehemann mitten im Streit abgehauen ist und sie nicht weiß, wohin mit ihrer angestauten Wut. Eine Mutter, zu der ich sagen kann: „Mama, ich habe Angst“ und die darauf nicht antwortet: „Habe ich auch ständig, schlimmer als du“. Das was meine Freund:innen und ich uns heute geben können, ist Verständnis und Offenheit und die Bereitschaft, aufkommende Konflikte bis zum Ende auszutragen und zu lösen.

Ich habe heute immer noch Probleme damit, eigene Bedürfnisse zu äußern und ihre Richtigkeit anzuerkennen. Ich passe mich lieber an, – bei meinen Freund:innen fühle ich mich sicher, in der Welt nicht – als möglicherweise einen Konflikt zu kreieren. Zu groß ist die Angst davor, einen Fehler zu begehen und die Menschen um mich herum zu vertreiben, sie zu verlieren oder einen Grund dafür zu liefern, mich zu verlassen. Aber wenn ich mich zum Beispiel in einer Interaktion verletzt fühle, dann ist es an erster Stelle erst mal das: Ich fühle mich verletzt, Punkt. Ich brauche dazu nicht die Erlaubnis von einer anderen Person, von meiner Therapeutin, meinen Freund:innen, von meinen Eltern schon gar nicht. Zu Beginn meiner Therapie habe ich mich ständig so ausgerichtet, dass alles, was ich tue und sage mir vor allem die Sicherheit gab: mein Gegenüber soll mich mögen und mich nicht ablehnen. Dass ich dabei aber gar nicht ich selbst war, sondern nur eine Figur, bedauere ich im Nachhinein oft, – allerdings wusste ich es auch einfach nicht besser. Was ich aber noch mehr bedauere und was ich heute betrauere, ist die verpasste Chance meiner Eltern, eine Beziehung zu mir aufzubauen. Denn es ist nicht meine Schuld, dass wir keine haben –  war es nie. Und das zu verinnerlichen, ist eine Aufgabe für den Rest meines Lebens. Bis ich verstehe:  Meine Erfahrungen gehören zur Vergangenheit – und nur weil meine Eltern mich im Stich gelassen haben, werden meine engsten Freund:innen mich nicht so behandeln, wie sie.

Ich bin jung und lebe mit einer Freiheit, die für viele in meinem Alter selbstverständlich ist. Ich musste sie mir erkämpfen und erkämpfe sie mir genau jetzt. Jeder Moment, in dem ich für mich selbst einstehe, ist ein riesiger Gewinn. Jeder Moment, in dem ich das tue, was ich wirklich möchte, ist eine Zelebration. Ich wünsche mir mehr davon. Eine Zukunft, in der ich nur für mich selbst lebe – für mich und für mein fünfjähriges Ich.

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

Autorin: Ina

Illustration: Teresa Vollmuth

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