Den Traum meiner Familie, eine finanziell abgesicherte Zukunft, machte ich dieses Jahr zunichte – indem ich mein Studium an den Nagel hängte, meinen Job verlor und DIEVERPEILTE gründete. Die Idee eines eigenen Magazins, jeden Tag zu schreiben und alles so gestalten zu können, wie ich es möchte, gibt mir Sicherheit: Ich kenne jetzt meinen Wert. 

Du musst wissen, ich war schon immer ein wenig anders, privat, aber auch beruflich. Es gibt Tage, an denen das so ist und es gibt Jobs, in denen es keineswegs anders ist. Es läuft nicht rund. Vielleicht zwei Wochen, ein Monat, doch spätestens dann, wenn die anderen darüber Bescheid wissen, wie eigen ich bin, kommen die Unannehmlichkeiten. Ich weiß, wovon ich rede, ich sehe mir schon lange dabei zu, wie die Jobs vor mir davonlaufen, oder ich vor ihnen. Ich bin eine Frau, die aus purer Geldnot zu allem „Ja“ sagt, wofür sie den Finger nur ein bisschen krümmen muss. Und so wurde ich Zeitungsträgerin, Eisverkäuferin, Reinigungskraft, Verkäuferin, Kindergärtnerin, Barkeeperin, Tierpflegerin, Kellnerin, Aufsicht, Promoterin, Studentin, Mitarbeiterin im technischen Support, Drogenverkäuferin, Küchenhilfe, Ehrenamtliche, Musikjournalistin, Pflegekraft und letztendlich pleite.

Bei all diesen Tätigkeiten fragte ich mich immer wieder ein und dieselbe Frage: Wie kann es ein Mensch verdammt noch mal genießen, morgens von einem Wecker geweckt zu werden, aus dem Bett zu springen, in den Spiegel zu schauen, sich anzuziehen, zu frühstücken, loszufahren, gegen die Massen anzukämpfen, um an einen Ort zu kommen, an dem man im wesentlichen viele (langweilige) Dinge für jemand anderen macht und dann auch noch darum gebeten wird, für diese Gelegenheit ein Lächeln aufzubringen?

Irgendwann holte mich das Gefühl ein, dass mir diese Sachen zwar einen gewissen Lebensstandard ermöglichen, aber auch die Zeit zum glücklich sein rauben. Anstelle einer netten Begrüßung wurde ich mit Gebrüll, Beleidigungen, Tratsch, Erdrückung, Verzweiflung und nur selten mit Dankbarkeit an meinem Arbeitsplatz konfrontiert. Es war nicht alles scheiße, ich habe auch gelacht. Trotzdem trampelte der Großteil meiner ChefInnen und KollegInnen auf meinen Gefühlen, Wünschen, Äußerungen und zu guter Letzt auf meinem Selbstwert herum. Ich hatte die Klappe zu halten, zu lächeln und das zu tun, wofür ich verdammt noch mal bezahlt wurde: meinen Job.

Reflektion. Ich denke, damit hat alles angefangen. Die abscheuliche Erkenntnis, dass ich etwas Selbstzerstörerisches brauche, wie Trinken oder Drogen, um solche Menschen auszuhalten – bei der Arbeit musste ich manchmal trinken, um lachen zu können. Danach musste ich trinken, um das Erlebte verarbeiten zu können.

Meine Welt änderte sich, als ich anfing, eigenen Ideologien zu folgen und meinen Wert als Mensch in dieser Welt erkannte. Heute vor einem Jahr erhielt ich eine Gelegenheit, die ich nie vergessen werde – an dieser Stelle möchte ich mich bei meinem guten Freund Moritz Roehder bedanken, der wertvolle Stunden seines Lebens damit verbrachte, mir diese Homepage zu erstellen. Dank ihm verbringe ich meine Zeit nicht mehr damit, meine VorgesetztInnen in den Wahnsinn zu treiben, sondern mit Schreiben – was mir ermöglicht, das auszustrahlen, was ich bin. Eine wilde Chaotin, die sich durch das Journalistenleben wurstelt und ihre Meinung rotzfrech ausplaudert. Oder anders formuliert: Ehrlich, weltoffen, mutig, leidenschaftlich, zielstrebig, humorvoll, direkt und ein bisschen verpeilt. Dadurch lernte ich, dass es okay ist zu sein, wie man ist und Dinge auszusprechen, auch wenn sie unbequem sind. Warum? Weil ich damit nicht alleine bin.

Vor einem Jahr konnte ich mir nicht vorstellen, wie viele Menschen ich dadurch erreichen und welchen Einfluss ich auf das Leben anderer habe. Heute kann ich es noch immer nicht glauben.

Schon früh, als ich meine ersten journalistischen Erfahrungen sammelte, stellte ich fest, dass meine Bemühungen, andere Wege einzuschlagen, vergebens sind. Meine Vorgesetzten sahen mich nur an, mit wenig Begeisterung im Gesicht: „Mach mal“. Sie wollten sich nicht von ihrem Sinn abbringen lassen, meine Weltanschauung nicht verstehen und keinen großen Einfluss auf das Leben anderer haben, zumindest nicht mehr, als sie müssen – fast so, als ob das pure Dasein reicht.

Diese Einstellung enttäuschte mich, denn ich hatte endlich etwas gefunden, wofür ich morgens aufstehen wollte. Dazu gehört auch, unter Menschen zu sein, die die Welt ein Stück weit besser machen. Mit DIEVERPEILTE erfüllte ich mir diesen Wunsch. Zusammen mit meinem Team, meiner persönlichen Wohlfühlzone, entwerfe ich neue Wege des Denkens, erforsche und erprobe sie. Mache zeitgenössische Probleme sichtbar und stelle Fragen, die jede*n Einzelne*n dazu auffordern, an den Antworten aktiv mitzuarbeiten. Denn wir glauben, dass sich die Welt nur dann verändert, wenn sie ein anderes Ideal von sich selbst bekommt. Die Überzeugung, dass dies notwendig ist, brachte uns zusammen.

Heute bin ich Mutter vieler junger Autor*innen, die ich auf ihrem Weg in eine mögliche berufliche Zukunft begleite und die mich zu dem Menschen formen, der ich sein will: Eine freie Person. Unabhängigkeit geht uns alle an – in unserem Fall aber vor allem die vielen Kreativen weltweit. Ohne dieses Projekt hätte niemand von uns die Möglichkeit gehabt, an Talenten zu arbeiten, eigene Werke zu veröffentlichen und so zu arbeiten, wie es uns am besten liegt. Wir schreiben aus Leidenschaft und weil wir die Held*innen, über die wir schreiben, unterstützen möchten.

An dieser Stelle möchte ich mich bei Anne, Imke, Vera, Viktoria und Issam bedanken. Ohne meine verpeilte Familie wäre ich jetzt nicht dort, wo ich bin. Ihr gebt mir Mut weiterzumachen, die Hoffnung, dass es gute Menschen auf dieser Welt gibt und das Gefühl, ein Teil einer Gemeinschaft zu sein.

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