Gib mir ein C!

Gib mir ein O!

Gib mir ein … HOLY SHIT!

Während meine Eltern sagten „Lass dich bloß nicht impfen!“ und meine Freunde sagten „Du hast das viel zu lange schleifen lassen“, schien mein Immunsystem sie ziemlich entspannt hinzunehmen: Die Entscheidung. Für meine erste Impfung. Zu deren Applikation es fast zwei Jahre gebraucht hat, seit das Wort Corona an die Öffentlichkeit gelangte. Außer einem leichten Druckschmerz im Oberarm hatte ich keine Nebenwirkungen.

Fünf Tage nach der Injektion steckte ich mich bei einer infizierten Person mit dem Virus an. Zwei Stunden ohne Maske, in einer riesigen Altbauwohnung mit dekadent hohen Decken. Mehr brauchte es nicht. Wobei … Alles lief nach Vorschrift. Es lag sogar eine Liste aus: geimpft, getestet. Schnelltests gab es vor Ort. Ich machte einen, bevor ich die Räume betrat: Er war negativ.

„Alles safe“, dachte ich.

Vier Tage danach und 24 Stunden bevor ich ahnte, dass meine bestehende Müdigkeit aus einem sehr unangenehmen Grund resultiert, bekam ich eine Nachricht.

„XY hat einen positiven PCR-Test“, stand darin.

Ich dachte: „Ja, Volltreffer!“ und testete mich. Mehrmals. Immer negativ.

Meine Müdigkeit gewann mehr an Kontrolle. Dazu kamen kratzige Halsschmerzen. Begleitend Schnupfen – ganz so, als wäre es eine lapidare Erkältung.

48 Stunden später begann das Fieber. Es war nicht so ein Fieber, wie ich es kannte. Dieses seltene 37,9 Grad-Celsius-Fieber, bei dem ich irgendwann mal – gut erinnerlich – matt danieder sank und wartete bis es vorbei war. Nein. Hier hatte ich es mit 40,4 Grad zu tun, die das Virus verursachte, während es in mir wütete wie ein brodelnder Monster-Tsunami. Mein Herz raste. Mein Kopf fühlte sich an, als würde er jeden Moment mit einem lauten Krachen in tausend Teile zerbersten und sein Inneres – bedingt durch die explosive Wucht – unkontrolliert im Raum verteilen. In eisigen Wellen löste heftiger Schüttelfrost das Fieber ab. Der Schweiß lief wie klatschender Monsunregen über meinen Körper. Nur, dass er nicht von außen kam. Drei Tage und Nächte war das mein Normalzustand. Mein neuer Normalzustand. Gedanken wie „Na – herzlichen Glückwunsch!“, „Das hört nie mehr auf“ und „Was, wenn das erst der Anfang ist?“, lösten sich während dieser Wahnsinnszeit ab. Sie wiederholten sich so oft, bis ich mich schließlich damit abfand, dass sie – obwohl es nur Gedanken waren – irgendwo in den Windungen meines knapp eineinhalb Kilo schweren Hirns festzustecken schienen.

Ein dreifaches Hoch auf die hohe Kunst des strukturierten Manifestierens. In diesem Fall – nicht.

Ich, die nie Tabletten nimmt, nahm alles. Meine bestehende Affinität für Nasentropfen war omnipräsent, während ich die Frage, ob das alles so kompatibel ist, verdrängte. Ich schluckte Ibuprofen in verschiedensten Milligramm-Zahlen – „Deine Nieren kannst du jetzt eh vergessen!“ – und Mengen an Paracetamol – „So eine Leber kann schon ein paar Päckchen ab!“. Gegen die rasenden Kopfschmerzen probierte ich Triptane – ein hochpotentes Mittel zur Bekämpfung starker Migräne. Mit intervallartigem Erfolg. Dazwischen schlief ich und träumte völlig irres Zeug. Bereits von mir geträumte Träume wurden durch mein Unterbewusstsein recycelt und mit grotesken Erlebnissen meines (teils sur-)realen Lebens vermischt. Der Zombie-Modus schien kein Ende zu nehmen. Essen schmeckte ich nicht. Das Wissen über die Existenz von Geruch resultierte nur noch aus meiner vagen Erinnerung. Zeit wurde relativ. Kontakte wurden nebensächlich. Ich konnte absolut nichts tun. Der Weg zur Toilette ließ meine Pulsfrequenz mit 180 Sachen in die dunkle Prärie meines nebulösen Verstandes galoppieren, die ich wahrnahm, sobald ich meine Augen wieder schloss.

Am vierten Tag sank das Fieber. Ich fühlte mich so kraftlos, dass ich sicher war, die kleinste Vorerkrankung on top hätte mich direkt ins Nirwana befördert. Was blieb, waren tagelang anhaltende Muskelschmerzen – überall – und das chaotische Gefühl, haarscharf einem alles verschlingenden Wirbelsturm entkommen zu sein. Ich wollte nichts als schlafen. Ein paar Wochen lang. Und mich danach wieder neu erfinden. Demütiger werde ich sein. Viel demütiger.

Corona zu haben, war für mich kurz und brutal – mit einer ewig langen Erholungsphase.

Nicht jede:r hat das Glück, diese Krankheit unversehrt zu überstehen. Der, dieser Pandemie geschuldete Umstand des Unvorhersehbaren, ändert das Bewusstsein aller vielleicht für immer. Ob – extern – eine ausreichende medizinische Versorgung gewährleistet werden kann, wenn es nötig ist oder man sich – intern – für wie gegen das Impfangebot entscheidet, versetzt oder beendet derzeit ganze Lebenswege. Beziehungen, Freundschaften und Familienstrukturen ändern sich und dies regt im besten Fall zum Nachdenken an. Während der anhaltenden Debatte darüber, scheint dieses kleine Virus flächenübergreifend den ganzen Planeten zu spalten.

Sicher geht es nicht nur mir so, wenn ich sage: „Die Ausmaße der Pandemie können ein Gefühl der Machtlosigkeit schüren.“ Doch ich schreibe bewusst „können“, denn worauf wir sehr wohl Einfluss haben, ist die Wahl unserer Worte und des damit verbundenen Tons. Sich darüber bewusst zu sein und zu bleiben, wie hilfreich respektvolle Kommunikation ist, wirkt in meinen Augen wie ein unbezahlbares Geschenk. Ein Geschenk, welches wir uns als Gesellschaft tagtäglich entgegenbringen können.

Wie viele Leute mir in dieser Situation direkt ihre Hilfe angeboten haben, beeindruckt mich nachhaltig. Darunter waren Menschen, die nicht unbedingt meine persönliche Meinung teilten und sich auch darüber im Klaren waren. Das war überwältigend und nicht selbstverständlich.

Seit Corona ein Thema ist, begegneten mir – wie wahrscheinlich fast jeder Person – diverse Meinungen. Die persönliche Einstellung und das individuelle Umfeld bestimmen den präferierten Umgang mit dem Virus sowie den variierenden Schutzmaßnahmen. Und bedingt teilweise sehr rigide Vorlieben dafür, die eigene Meinung auf den Tisch zu bringen: impfen, nicht impfen, ganztägiges Tragen eines Mundschutzes im Schulunterricht, Besuchsrechte in Kliniken.

Jede:r fragt sich: “Was ist richtig? Was ist falsch?”

Dennoch begründen sich die einzelnen Meinungen total unterschiedlich, je nach Familienkonstellation. Alter und Job ergeben sich facettenreiche Glaubenssätze und Ansichten. Daraus ergibt sich für meine Begriffe ein wertvolles Lernfeld:

Wie schwer fällt es uns allen, andere nicht zu bewerten?
(Dies gilt nicht nur in der Corona-Thematik.) 

Doch sensibilisiert uns die derzeitige Situation auf einem ganz neuen Level für einen emphatischen Umgang miteinander – trotz aller Widrigkeiten.

Ich bin dankbar dafür, dass viele Menschen in meinem Umfeld eine stumme oder auch entspannt kommunizierte Übereinkunft darüber getroffen haben, aufeinander Rücksicht zu nehmen. Obgleich die persönliche Einstellung zum Thema vielleicht eine andere ist als die des Gegenübers. Es ist eine wertvolle Erfahrung, zu merken, wie viele Menschen sich darüber bewusst sind, dass es nicht zielführend ist, dem Gesprächspartner:in mit der Brechstange die eigene Meinung aufdrücken zu wollen. Denn was wirklich zählt, ist eine achtsame Wortwahl und ehrliche Selbstreflexion. Damit lebt es sich deutlich besser, weil diese ins Handeln umgesetzten positiven Gedanken unsere Gemeinschaft stärken. Und das ist ein schönes Gefühl.

Illustration: Sophia Hummler
www.sophiahummler.com

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Autor:innen

SEENO KAMI
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Ist seit 2021 Redakteurin & Lektorin bei DIEVERPEILTE. Arbeitet in einer onkologischen Tagesklinik und veröffentlichte 2020 ihr erstes Buch. Ihre Themenschwerpunkte sind Gesellschaft und Bewusstsein.

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