WARNUNG: Im folgenden Beitrag wird selbstverletzendes Verhalten thematisiert.

Es ist Sonntag Abend. Ich liege bereits im Bett und will einschlafen. Er ist noch da, obwohl er schon längst gehen wollte. Die Stimmung ist angespannt. Ich will aber einfach einschlafen, alles vergessen und keine Albträume haben. Meine Zimmertür ist geschlossen, aber ich höre trotzdem, wie es draußen lauter wird. So ist es immer. Die Stimmung ist angespannt, es wird lauter, es kommt zu einem „Anfall“. Ich will das nicht schon wieder miterleben. Ich will das nicht mehr.

Am liebsten würde ich rausrennen, ihn anbrüllen und sagen, dass er sofort verschwinden soll, dass er abhauen soll und aufhören soll, aber ich weiß, dass es nichts bringt.Es hat ja schon so oft nichts gebracht. Also verkrieche ich mich unter meiner Bettdecke, presse mein geliebtes Kuscheltier an mich, halte mir die Ohren zu und versuche mich wie immer abzulenken. Ich singe leise „Please Tell Rosie“ und versuche das Geschrei, dass immer lauter wird, auszublenden. Aber mein Gehirn will sich nicht ablenken lassen, sondern lieber jedes einzelne Wort aufschnappen. Ich höre das aggressive Knurren, das so oft klingt, wie „Ich wünschte, du wärst endlich tot und dann piss ich auf dein Grab!“, und das Geräusch eines an den Türrahmen schlagenden Kopfes.Ich höre, wie sie verzweifelt versucht, ihn aufzuhalten, aber nichts und niemand kann ihn aufhalten. Ich höre, wie er alles Mögliche durch die Gegend schmeißt, denke an unsere Katze, die irgendwo da draußen in dem Chaos ist. Sie konnte sich wohl nicht rechtzeitig in mein Zimmer flüchten. Ich höre, wie die Küchenschublade aufgerissen wird. Nein, bitte nicht schon  wieder das Messer. Ich höre, wie ein Körper zu Boden fällt. Ich singe immer verzweifelter, versuche alles auszublenden, aber ich schaffe es mal wieder nicht. Ich bin einfach zu schwach. Ich will weg hier. Ganz weit weg von hier, aber dazu müsste ich mein Zimmer verlassen und dann würde ich nicht nur alles hören, sondern auch noch sehen und das will ich auf gar keinen Fall. Ich habe Angst, schreckliche Angst. Plötzlich fliegt meine Zimmertür auf. Nein, ich will nicht. Ich will einfach nur hier liegen bleiben, warten, bis alles vorbei ist, irgendwann einschlafen und am nächsten Tag wie immer mitspielen, wenn alle so tun, als wäre nichts gewesen. Doch auch diesmal scheint mein Plan nicht aufzugehen.

Mein Vater ist Borderliner. Abende wie jener Sonntag waren keine Seltenheit. Der beschriebene Abend fand statt, als ich neun Jahre alt war. Damals habe ich auch erfahren, dass mein Vater von Borderline betroffen ist. Seine Diagnose wurde bereits lange vor meiner Geburt gestellt. Deshalb lebe ich mit den Symptomen, die die BPS bei ihm mit sich bringt, schon mein ganzes Leben. Nur habe ich den wirklichen Grund erst so spät erfahren, weil dies in meiner Familie immer totgeschwiegen wurde. Es ist kein Thema, über das offen gesprochen wurde und auch mein Vater hat sich mir gegenüber noch nie offen dazu geäußert. Ich finde es allerdings ganz wichtig, dass das Thema sichtbar wird und mehr Leute von der Krankheit und deren Auswirkung auf das familiäre Miteinander erfahren, da so auch Angehörigen wie mir geholfen werden kann, mit einer solchen Situation besser umgehen zu können. Wie bereits erwähnt, löst meine Familie das „Problem“ einfach mit Schweigen. Auf der einen Seite kann ich das gut verstehen, da es für alle schwierig ist und darüber zu reden auch äußerst viel Kraft kostet. Auf der anderen Seite könnte es uns allen helfen, wenn wir offener damit umgehen würden. Über Instagram habe ich Kontakt zu einer Mutter, die selbst Borderline hat. Von ihr weiß ich, dass sie mit ihren Kindern ganz offen darüber redet und in ihrer Familie die ganze Thematik nicht verschwiegen wird. Ich wünsche mir, dass immer mehr Familien so offen damit umgehen, wie diese Familie.

Bei dem Wort Borderliner:in ploppt bei vielen Menschen das Bild des sich ritzenden Teenagers auf. Dass Borderliner:innen sich aber nicht immer selbst verletzen und auch Mütter, Väter, Chef:innen oder Nachbar:innen betroffen sein können, wird häufig nicht in Betracht gezogen. Ebenfalls wichtig ist, sich in Erinnerung zu rufen, dass diese Persönlichkeitsstörung sehr häufig durch traumatische Erlebnisse in der Kindheit ausgelöst wird. Opfer von sexueller oder körperlicher Gewalt sowie schwerer Vernachlässigung haben sehr oft eine Borderline-Persönlichkeitsstörung, da die Person, die sie eigentlich beschützen sollte, gleichzeitig die Person ist, die ihnen schreckliche Dinge antat.

Wusstest du, dass ungefähr 2,7 Prozent der gesamten Bevölkerung eine Borderline-Persönlichkeitsstörung hat? Trotz dieser hohen Zahl sind die Symptome einer BPS nicht ganz so bekannt, wie die Symptome anderer Krankheiten und darüber, wie es für Kinder ist, mit einem BPS-Elternteil wird nur sehr selten gesprochen. Mein Vater ist Borderliner. Abende, wie jener Sonntag waren keine Seltenheit. Ich musste oft mit ansehen, wie er sich selbst verletzt. Doch auch die anderen Symptome sind für Kinder schwierig zu verstehen und gerade da niemand darüber spricht, fühlt man sich häufig alleine und unverstanden.

Borderliner:innen können starke Stimmungsschwankungen, Wutanfälle, einen Mangel an geeigneten Lösungsstrategien, Suizidgedanken, extreme Angst vor Zurückweisung, extremen Selbsthass und extreme Selbstliebe haben. Als Kind habe ich nie verstanden, wieso mein Vater so oft „überreagiert“ oder meine Mutter immer all seine Probleme löst und manchmal dachte ich, es sei normal, so auf Situationen zu reagieren und habe angefangen, das Verhalten teilweise zu kopieren. Ja, eine BPS kann erblich sein, in einigen Fällen jedoch auch anerzogen. Kinder, die mit einem Borderline-Elternteil aufgewachsen sind, können dadurch nicht nur ein Trauma erlitten haben, sondern durch die Verhaltensmuster, die sie eventuell kopiert haben, auch Schwierigkeiten in ihrem weiteren Leben haben.

Ich persönlich bin durch Abende wie an jenem Sonntag ziemlich schreckhaft und sensibel geworden. Wenn irgendwo jemand herumschreit, fange ich häufig an zu weinen und in extremen Fällen kann sich dies auch bis zu einer Panikattacke entwickeln. Das Gleiche lösen auch Geräusche aus, die so ähnlich klingen wie das eines gegen den Türrahmen schlagenden Kopfes. Dank der Psychotherapie wird es allerdings besser und ich reagiere immer gelassener, wenn ich Dinge erlebe, die mich triggern. Manchmal neige ich auch dazu, das Verhalten meines Vaters zu kopieren. Gerade in besonders stressigen Situationen lasse ich gerne andere meine Probleme lösen, weil ich es häufig so vorgelebt bekommen habe und in zwischenmenschlichen Beziehungen neige ich sehr häufig dazu, alles überzuinterpretieren. Mein Vater hat das immer gemacht und ich habe es übernommen. Wenn mir jemand auf eine Nachricht nicht direkt antwortet, sondern erst ein paar Tage später, dachte ich immer, die Person könne mich nicht leiden und würde mir daher nicht antworten. Dann habe ich den Kontakt zu der Person immer weiter abgebaut. Irgendwann habe ich verstanden, dass nicht alle immer die Zeit haben, sofort zu antworten.

Ich bin sehr froh, dass ich meine Freund:innen habe, die mir in solchen Situationen helfen. Ihnen schildere ich, was sich in einer Konversation zugetragen hat und was ich darüber denke und frage dann, ob ich das jetzt wieder überinterpretiere oder ob sie es genauso sehen wie ich. Allerdings kann ich nur erkennen, dass ich meinen Vater kopiere, weil ich weiß, dass er Borderline hat und ich mich ausführlich damit beschäftigt habe. Noch vor ein paar Jahren dachte ich, ich würde immer angemessen reagieren und wenn meine Freunde mich auf meine zu heftigen Reaktionen aufmerksam machten, war ich der Meinung, es seien keine guten Freunde. Daher ist es mir so eine Herzensangelegenheit über BPS aufzuklären, um möglichst vielen jungen Menschen zu helfen und möglichst vielen das Gefühl zu geben, dass sie nicht alleine damit sind.

Als ich erfahren habe, dass mein Vater Borderliner ist, konnte ich vieles besser verstehen und mich dadurch viel offener mit ihm unterhalten. Unsere Beziehung hat sich deutlich gebessert und dadurch half ich mir selbst. Ich persönlich habe mir extern Hilfe in Form von Psychotherapie gesucht, um die Erlebnisse aufzuarbeiten. Doch die Gewissheit zu haben, dass mein Vater Borderliner ist, hat mir viele Antworten gegeben. Eine BPS ist sehr komplex und die Symptome können bei jedem sehr verschieden sein. Jede Person geht damit anders um, doch grundsätzlich kann es für Kinder eine erhöhte Belastung darstellen, mit einem Borderline-Elternteil aufzuwachsen. Falls du das Gefühl hast, dass eines deiner Elternteile eine Borderline-Persönlichkeitsstörung hat, brauchst du dich damit nicht alleine fühlen, denn du bist damit nicht alleine.

Einige sagen, dass Borderline im Alter „besser“ wird. Das muss nicht unbedingt so sein und ich kenne auch Borderliner:innen bei denen es im Alter „schlimmer“ geworden ist. Die Attacken meines Vaters nahmen erfreulicherweise ab und er reflektiert sich selbst von Jahr zu Jahr mehr. Ich möchte allen, die mit Borderliner:innen Kontakt haben, sagen, dass es schwer sein kann mit dieser Person in Kontakt zu sein, dass die Person aber deutlich mehr ist als „nur“ Borderliner:in. Die Symptome können abnehmen. Auch möchte ich allen Kontaktpersonen ganz viel Kraft, Mut und Hoffnung senden.

Autorin: Nya
Illustration: @ninjaaaling

*Anmerkung der Redaktion: Dies ist ein Erfahrungsbericht und gilt mitnichten für alle Menschen, bei denen Borderline diagnostiziert wurde. Es geht hier um eine persönliche Perspektive, nicht um Pauschalisierung. 

Info zu Symptomen, Ursachen und Hilfe bei Borderline-Störungen findest du hier.

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

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