Ich weiß gar nicht, wie oft ich den Menschen versichern musste, dass es mir gut geht. Aber nicht einfach nur bestimmt versichern „Es geht mir gut“, nein. Eher dreimal sagen, dass es mir wirklich gut geht und dabei stark nickend sowie tief in die Augen blickend meinem skeptischen Gegenüber zulächeln. Das Lächeln habe ich mir selten abquälen müssen und das „Es geht mir wirklich gut“ war überwiegend ehrlich. Warum kann ich auch nicht erklären.

Die ganze Geschichte fing mit dem Tod meines Vaters an, da war ich drei Jahre alt. Wenn die Leute fragen, wie sich das so anfühlt, frage ich mich, wie sich das so anfühlen soll neben der Leiche des eigenen Vaters aufzuwachen. Gibt es da eine Erwartungshaltung? Naja, meine Antwort darauf ist jedenfalls: Keine Ahnung, wie sich das anfühlt, aber ich weiß noch, wie er aussah. Und das fühlt sich schon ziemlich scheiße an, wenn du mich fragst.

Kurz nach meinem zwölften Geburtstag zog ich bei meiner Mutter aus, wenn man von der Polizei abgeholt werden als Ausziehen bezeichnen kann. Meine Schwester, die mich glücklicherweise zusammen mit ihrer Punkclique sozialisierte, ahnte schon Jahre zuvor, dass es so kommen würde – und sie hatte Recht behalten. Der Alkoholismus meiner Mutter übermannte, was von unserer Familie übrig geblieben war, so sehr, dass ich in eine Pflegefamilie kam.

Doch ich kam nicht in irgendeine Pflegefamilie, schön wäre es gewesen. Meinem Kinderhirn fiel ein, dass ich Verwandte in der Gegend hatte, zu diesen kam ich dann nach einem Silvesteraufenthalt bei einer Teilzeit-Pflegestelle also.
Es dauerte nur wenige Monate und ein paar Gerichtstermine, bis meine Mutter das Sorgerecht verlor und ihr Bruder inklusive Ehepartnerin den offiziellen Pflegeeltern-Status erhielten. Jetzt kommt der Plot-Twist, den niemand, vor allem nicht mein zwölfjähriges Ich erwartete: Meine neue offizielle Pflegemutter war eine noch viel intensivere, ungezügeltere Alkoholikerin als meine leibliche Mutter. Und weil das noch nicht genug gewesen wäre, um das Bild zu runden, offenbarte sich mein Pflegevater als ein riesiges Arschloch. So riesig, dass ich kaum weiß, wie ich es beschreiben soll.

Ich hatte die Ehre, meinem Onkel täglich Essen zu machen, Kaffee zu bringen, die Nägel zu feilen und allerlei Kleinigkeiten zu erledigen, für die er sich zu schade war. Mit steigendem Alter übernahm ich Aufgaben, wie Antiquitäten für seinen Verkauf zu fotografieren, Bilder zu bearbeiten, Ebay Anzeigen zu inserieren und ihm dabei zu helfen, sein Chaos aufzuräumen. Da meine Pflegemutter in verschiedenen Intervallen trank, kam es in einem Abstand von vier bis acht Wochen dazu, dass ich den Haushalt schmeißen musste, den Hund versorgen und meinen Pflegevater bekochen konnte – ich übernahm also ihr Aufgabenfeld.

Obwohl meine Beschäftigungen indem was sich mein „Zuhause“ nennen sollte, einem Vollzeit-Job nahekam, brauchte ich natürlich auch noch Zeit für die Schule. Die hatte ich zwar nicht, sollte sie mir aber gefälligst einräumen. Denn mein Pflegevater war der festen Überzeugung, dass nur ein glücklicher Mensch aus mir werden könne, wenn ich mich „vernünftig“ anzog, in der Schule Einsen schrieb und mich auf die „wichtigen“ Dinge fokussieren würde. Und alles andere führe seiner Meinung nach dazu, dass ich „bei der Müllabfuhr ende, wo ich wahrscheinlich auch hingehöre“.

Die Rechnung hatte er ohne mich gemacht. Den Ring in meinem linken Nasenflügel ließ ich mir mit elf Jahren kurz vor meinem Auszug stechen. Mit einer gefälschten Unterschrift meiner Mutter und ihrem Personalausweis, den ich mir kurz ausgeliehen hatte. Schwarze Haare und Eyeliner waren für mich außerdem auf dem Tagesprogramm. Irgendwie wollte ich ausdrücken, dass ich mich anders fühle. Ich wollte mein Inneres nach Außen kehren und allen Menschen zeigen, dass ich bin, wer ich eben bin. Was das genau bedeutet, weiß ich zwar bis heute nicht, doch mein Erscheinungsbild kehrt auch heute noch mein Inneres nach Außen. Würde ich zumindest mal so behaupten.

Mit den Verboten kamen auch immer mehr Frustration, Panikattacken und Momente, in denen ich Auswege gesucht habe, Fluchttüren wie eine Familie, die sagt „schau mal, die adoptieren wir, die ist cool!“. Aber irgendwie gab es da keinen Menschen, den ich fragen konnte, keiner, der mir helfen konnte oder mir das Gefühl vermittelte, er würde wirklich wissen wollen, was los ist. Geschweige denn eine Familie, die mich adoptiert hätte, bis auf ein paar unangebrachte Adoptionswitze von Eltern meiner Freund*innen.

Abends ab 20 Uhr, die Zeit, zu der ich zum Schlafen auf mein Zimmer musste, lag ich in meinem Bett und formte vor meinem inneren Auge Szenarien. Wie hätte ich reagieren können? Wieso hat er das gesagt? Wieso werde ich so behandelt? Bin ich schuld? Was will er damit erreichen? Aber vor allem: Wann komme ich hier raus? Wie komme ich hier raus?

Zu dem Erstaunen all meiner Mitschüler*innen kam ich in die Schule, jeden Tag, seit ich nicht mehr bei meiner Mutter lebte. Erstens, weil ich endlich konnte und zweitens, weil ich musste, selbst wenn ich krank war. Eine Erkältung oder Fieber waren eher kein Grund für meinen Pflegevater, mir Ruhe zu geben. Im Gegenteil: Die Zeit, die ich mal nicht wegen Krankheit in der Schule verbrachte, durfte ich anders investieren.

Meine Ohren waren meist „auf Durchzug“. Rausgefiltert habe ich Aufgaben, die ich erledigen musste, um meinen Onkel soweit bei Laune zu halten, dass ich kein Hausarrest bekam. Emotional zerbrach ich immer dann, wenn er mir vorwarf, meine Mutter verraten zu haben, obwohl ich ihr doch nur helfen wollte, uns helfen. Doch eine meiner erlernten Fähigkeiten in dieser „Familie“ war runterschlucken und aushalten. Es war egal, was er mir an den Kopf schmiss, welche Beleidigungen er benutze und welche Tatsachen er verdrehte, ich schaffte es in den allermeisten Fällen mit all dem im Gepäck auf mein Zimmer. Dort rechnete ich mit mir selber ab, stundenlang. In meinem Kopf schrie ich ihn an, stellte ihn zur Rede und sagte ihm, wie wenig ich von ihm hielt – nur eben mit der Gewissheit, dass all das nur in meinem Kopf stattfinden konnte, andernfalls würde ich mir wohl mein eigenes Grab schaufeln.

2013 verbrachte ich meine Sommerferien bei meiner Mutter und ihrem Freund, im Herbst des gleichen Jahres verstarb sie. Ich erinnere mich noch genau an das Rauschen in meinem Kopf, das Klingeln in meinen Ohren, die Ohnmacht in meiner Brust. Das Merkwürdigste: Ich sah es kommen und in dem Moment, als es hieß „irgendwas ist mit deiner Mutter, die brechen jetzt die Tür auf und rufen zurück“, wusste ich es. Ich versuchte mir zu sagen, dass es nicht so ist, in der Hoffnung es würde dann auch nicht so kommen. Doch es war so, sie war tot und kam nicht wieder zurück, hatte es meinem Vater praktisch nachgetan.
Das Nächste, woran ich mich erinnere ist ein Telefonat mit meiner Schwester, wir schwiegen uns an, ich weinte kaum, in meinem Kopf überschlugen sich die Gedanken und ich litt stumm und zitternd. Der Kloß in meinem Hals war tennisballgroß und ich bekam kein Wort heraus außer „Ja“.

Ausnahmsweise durfte ich mal zuhause bleiben und irgendwie ging die Organisation, das Familiendrama und die dazugehörige Beerdigung vorbei. Mit dreizehn über eine Urne für die Asche der eigenen Mutter zu entscheiden, übersteigt heute auch noch meine Vorstellungskraft, ist aber irgendwie mit der Hilfe meiner Schwester passiert. Was ich zur Beerdigung anziehen wollte, durfte ich nicht tragen. Das war dann wohl zu viel verlangt.

Die Beerdigung ging mit all den üblichen Absurditäten meiner „Familie“ vorüber. Circa zwei Wochen später kam ich deprimiert von der Schule und hatte den reflexartigen Impuls, meine Mutter anzurufen und ihr davon zu erzählen. Dann traf es mich auf ein Mal noch härter als die Wochen zuvor: Ich konnte sie nicht anrufen. Würde ich die Nummer wählen, wäre sie wahrscheinlich schon nicht mehr vergeben. Ich war allein mit mir und meinen Gefühlen: in diesem Haus, in dieser Schule, gefühlt in diesem Leben.

Mit vierzehn Jahren erforschte ich langsam die Welt der Jugendlichen unter dem Deckmantel von Lerntreffen und Übernachtungen bei der besten Freundin. Damit brach zwei Jahre später nach und nach der Rest meiner Persönlichkeit aus mir heraus, den ich so sorgfältig in die letzte Ecke gedrängt hatte. Auf dem Schulweg zog ich mich heimlich um, im Bus schminkte ich mich und je älter ich wurde, desto kreativer auch meine Ausflugsziele während der Schulzeit. Allmählich hatte ich also meinen Ruf zurück, den Notendurchschnitt irgendwo in der Mitte hängend und einen Haufen Lügen und Geschichten vor mir aufgetürmt, um meinen Pflegevater glauben zu lassen, ich wäre das Püppchen, zu dem er mich erziehen wollte.

Hin und wieder explodierte eine der Lügenbomben, mal kleiner und größer, was in der Regel zu Aufsätzen und Hausarrest führte. Aufsätze, die ich schreiben musste, trugen zum Beispiel den Titel „Warum ich meinen Onkel nicht anlügen darf“ oder auch Banales wie „Warum der Staubsauger nicht auf der Treppe stehen darf“, verlangte einen Essay. Letzteres war auf jeden Fall eine der schöneren Erinnerungen, er war nämlich zuvor über genannten Staubsauger gestolpert. Je machtloser mein Pflegevater sich eben fühlte, desto härter waren seine Methoden, sich die Kontrolle zurückzuholen. Unverhältnismäßigkeit oder Gespräche auf Augenhöhe kannte er nicht und jeden Ball, den ich zurückspielte, führte zu noch mehr Unterdrückung.

Mit steigendem Alter ließ ich mich immer weniger einschränken, was schnell dazu führte, dass ich mit 18, kurz nachdem ich meinen äußerst toxischen ersten Freund abschoss, kaum noch daheim war. Jede Nacht schlich ich mich raus und die Schulzeit wurde meist mit Freund*innen draußen verbracht, begleitet von guter Musik, langen Gesprächen und sehr hohem Cannabiskonsum.

Mein folgender Umzug ist bis heute etwas, was schwer zu begreifen ist. Ich schaffte es tatsächlich, mein Abitur abzuschließen und damit die Pflegschaft offiziell zu beenden und auszuziehen, ich finanzierte mir Ballettstunden, die mir mein Pflegevater immer verwehrt hatte und verbrachte jeden Tag mit den Dingen, die mich glücklich machten. Befreiungsschläge, um mir die Kontrolle zurückzuholen und sie auch endlich mal verlieren zu können.

Heute, ein paar Jahre später, bin ich immer noch damit beschäftigt, zu verstehen, wie mich die Jahre der psychischen Gewalt verändert haben, wie meine Traumata mich geändert haben. Was ich erlebt habe, definiert mich zwar nicht, hat mich aber zu der Frau gemacht, die ich heute bin.

Dieser Text erschien zuerst auf dieverpeilte.

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Mein inneres Kind, der Wal und ich
Nach dem Sturm kommt die Sonne
Tote Seelen begehen Suizid, lebende Seelen überstehen ihn.

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3 Comments on “Wie ich zum Hausmädchen meiner Pflegeeltern wurde und mich selbst therapierte”

  1. Eine sehr bewegende Geschichte…. Ich habe mir das damals schon gedacht und hoffe das die Person die dieses geschrieben hat ein glückliches Leben führen wird…. Manchmal kann ein geschriebenes Wort die Befreiung sein

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