Zu Hause bleiben ist gerade das Motto der Stunde. Aber was machen Menschen, die gar kein Zuhause haben? „Die Gruft“ kommt mir bei meinen Überlegungen als Erstes in den Sinn. Sie ist Wiens wohl bekannteste Caritas-Einrichtung für obdachlose Menschen. Wie der Name schon suggeriert, handelt es sich dabei um einen Platz, der ursprünglich nicht für Lebende gedacht war. Auf der Website heißt es, die Initiative kam damals vom Pfarrer der Kirche, Pater Albert Gabriel, der mit Schüler:innen eine Wärmestube einrichtete. Heute bietet sie Menschen, die auf der Straße stehen, einen sicheren Zufluchtsort und menschliche Wärme. Ich beschließe, dass ich helfen möchte. Durch einen Freund von mir komme ich an die Nummer von Judith Hartweger, Leiterin des Betreuungszentrums. Meine Unterstützung muss sie leider ablehnen. Aufgrund der aktuellen Auflagen können Freiwillige gerade nicht mitanpacken. Was bedeutet Corona für eine aktiv unsichtbar gemachte Gruppe wie obdachlose Menschen? Wie können wir helfen? Darüber spreche ich mit Judith Hartweger.

DIEVERPEILTE: Judith, du bist Leiterin im Betreuungszentrum Gruft, was genau ist die Gruft?
Judith Hartweger: Die Gruft ist eine Einrichtung der Caritas der Erzdiözese Wien und gewährleistet eine Basisversorgung von Obdachlosen und von Obdachlosigkeit bedrohten Menschen. Dazu gehört: Ein Schlafplatz, eine Aufenthaltsmöglichkeit, Essen, Hygiene, Kleiderausgabe und Wäsche waschen. Wir bieten aber auch Beratung an, was sehr wichtig ist. Denn: Viele Menschen kennen ihre Rechte nicht genau und wissen auch nicht, welche Möglichkeiten der Unterstützung sie überhaupt nutzen können. Deshalb ist die Beratung so wichtig. Dabei klären wir zum Beispiel Ansprüche – etwa auf Sozialleistungen und Pensionen, unterstützen Menschen im Amtsverkehr und vermitteln auch längerfristige Wohnplätze.

Wann hast du für dich beschlossen, dass du anderen Menschen mit deiner Arbeit helfen möchtest?
Ich habe im Rahmen meiner Ausbildung zur Sozialarbeiterin einige Praktika gemacht und in der Wohnungslosenhilfe habe mich am meisten gebraucht gefühlt. Zwei dieser Praktika habe ich in den 1990er-Jahren in der Gruft gemacht und diese Zeit hat mich nie wieder losgelassen.

Aktuell ist ganz Österreich wieder im Lockdown. Wie hat sich die Arbeit in der Gruft seit dem Beginn der Pandemie verändert?
Die Pandemie hat unsere Arbeit nicht gerade leichter gemacht: Wir müssen viel genauer darauf achten, dass wir wissen, wer sich bei uns aufhält und wir können bei Weitem nicht mehr so viele Menschen gleichzeitig im Tageszentrum und im Nachtquartier beherbergen. Glücklicherweise konnten wir schon früh in der Pandemie weitere Notschlafplätze organisieren. Jede:r muss registriert werden, was eine massive Änderung für uns bedeutet hat. Wir kämpfen uns durch Auflagen und Verordnungen und versuchen die Klient:innen bestmöglich bei Laune zu halten.

Wie organisiert ihr aktuell die Versorgung?
Im Grunde wie bisher mit dem Unterschied, dass kaum freiwillige Helfer:innen tätig sein können und wir umso mehr gefordert sind, vor allem beim Kochen und Wäsche ausgeben. Solche Aufgaben, werden sonst sehr häufig von Freiwilligen erledigt. Der adminsitrative Aufwand ist natürlich auch um einiges mehr geworden, weil alles ganz genau dokumentiert werden muss, um eine Nachvollziehbarkeit für mögliches Contact-Tracing zu gewährleisten. Früher war es uns nicht so wichtig, wie die Personen genau heißen, die sich zum Essen anstellen. Hauptsache, sie sind versorgt. Seit Pandemiebeginn haben wir leider ein Stück unserer Niederschwelligkeit eingebüßt.

Was machen Obdachlose jetzt
Alle Fotos von Simon van Hal, Mitarbeiter die Gruft

Bei der Hilfsorganisation, die STADTMISSION in Berlin, habe ich erfahren, dass viele Obdachlose aufgrund der notwendigen Hygienemaßnahmen wie z. B dem Testen freie Plätze zum Schlafen nicht beanspruchen. Wie ist das bei der Gruft?
Das könnte ich für die Gruft so nicht bestätigen. Unser Nachtquartier ist täglich voll und dort muss man einen negativen Test vorweisen. Das Tageszentrum kann man auch ohne Test nutzen, denn hier können wir alle notwenigen Maßnahmen – ausreichend Abstand, das Tragen von Masken und regelmäßige Desinfektion – einfacher einhalten.

Inwiefern denkst du, dass sozial benachteiligte Menschen durch die Corona-Krise stärker betroffen werden?
Die Krise macht jene noch ärmer, die es vorher schon waren. Viele Menschen haben schon längst das letzte Ersparte aufgebraucht, sofern es das überhaupt gab, gestundete Rechnungen sind fällig geworden und es bleibt kaum noch Geld für den Lebensbedarf. Miet- und Energiekosten steigen, auch der Lockdown sorgt erneut für Unsicherheit bei vielen Menschen.

Welche Personengruppen sind dadurch besonders stark betroffen?
Je länger die Krise dauert, desto schwerer lastet der Druck auf den Menschen. Besonders schlimm ist es für Menschen, die es schon vor der Krise schwer hatten – etwa Alleinerziehende oder arbeitslose Menschen. Armutsbetroffene leben oft in prekären Wohnverhältnissen, was vor allem in Zeiten des Lockdowns sehr belastend sein kann. Zudem standen obdachlose Menschen bereits vor der Coronakrise am Rand der Gesellschaft. Das hat sich durch die Krise noch verschärft.

Was machen Obdachlose jetzt

Was ist mit obdachlosen Kindern und Jugendlichen, wohin können sie sich wenden?
Es ist erschreckend, wie viele Menschen bereits in jungen Jahren betroffen sind. In Wien sind rund dreißig Prozent aller wohnungslosen Menschen unter 30. Die Caritas bietet spezifische Angebote. Für Mütter mit Kindern gibt es in Wien drei sogenannte MUKIs (Mutter-Kind-Häuser), für 14 bis 21-Jährige gibt es das a_way – die einzige Notschlafstelle für Jugendliche und junge Erwachsene in Wien.

Wie können Menschen im Alltag helfen?
Grundsätzlich ist es wichtig, mit offenen Augen durch die Straßen zu gehen. Oft hilft schon ein anerkennender Blick, ein Lächeln oder ein kurzes Gespräch. Einfach zu fragen, wie es jemandem geht und ob er oder sie etwas brauchen. Eine sehr unkomplizierte Art zu helfen, vor allem im Winter, ist das Caritas Kältetelefon – dabei sind wir auf die Unterstützung der Bevölkerung angewiesen. Wenn jemand einen Schlafplatz von obdachlosen Menschen im öffentlichen Raum entdeckt und das mit einem Anruf beim Kältetelefon unter 01/4804553 bekannt gibt, kommen unsere Nachtstreetwork-Teams zu den angegebenen Orten. Dort versorgen sie die Menschen mit Tee, Essens- und Hygienepaketen, Decken und Schlafsäcken. Außerdem bieten sie auch Schlafplätze in Notquartieren an, zu denen sie die Menschen begleiten, die das möchten. Unseren Einrichtungen ist am sinnvollsten geholfen, wenn sich Menschen über die Webseiten und Social-Media-Kanäle erkundigen, welche Sachspenden konkret gebraucht werden. Geldspenden sind auch immer willkommen, denn die können wir dort einsetzen, wo es einen Mangel gibt. Bei unserem wirhelfen.shop gibt es zahlreiche Möglichkeiten zu unterstützen.

Was wird auf der Straße am nötigsten gebraucht?
Winterfeste Schlafsäcke, die man auch mit einer Spende von fünfzig Euro (Gruft Winterpaket) mitfinanzieren kann. Isomatten und Decken. Das sind die Dinge, die meine Streetworker:innen bei ihren Touren an Personen ausgeben, die auf der Straße schlafen.

Was ist wichtig, um Menschen, die durch Schicksalsschläge, Verluste und Enttäuschungen in ihrer Vergangenheit geprägt wurden, neue Perspektiven zu geben?
Man braucht viel Zeit, Einfühlungsvermögen, Geduld und es muss einem bewusst sein, dass es oft viele Anläufe braucht, bis die Menschen dort sind, wo man sie hinbegleiten möchte. Beziehungsaufbau ist für die Arbeit in der Gruft das Wichtigste.

Gibt es eine Geschichte, die dich während deiner Arbeit besonders bewegt hat?
Die Geschichte von Herrn H. – wir kennen ihn seit 2017. Da kam er nach seiner Delogierung in die Gruft. Bis dahin hatte er nichts mit Obdachlosigkeit zu tun. Die vielen Menschen, die Lautstärke, der große Schlafsaal. Das alles wurde ihm schnell zu viel und auch in einem anderen Notquartier hat er es nicht ausgehalten. Da war ihm dann die Straße lieber. Herr H. hat sich im Winter in Zügen auf den Abstellgleisen einsperren lassen. Sobald der Zug wieder in Betrieb genommen wurde, hat der Tag für ihn wieder angefangen. Das Leben auf der Straße macht krank. Dauernde Schmerzen, offene, entzündete Beine waren das Ergebnis. Um seine Schuhe überhaupt anziehen zu können, musste Herr H. sie aufschneiden, sonst hätte er bei Eiseskälte bloßfüßig bleiben müssen. Eines Tages hat uns eine Passantin auf ihn aufmerksam gemacht und unsere Streetworker:innen konnten ihn zu einem Besuch in der Gruft überreden. Im Auto hat er so viel geredet, man hat gemerkt, wie einsam der Mann gewesen sein muss. Er wollte zwar die Nacht nicht bei uns verbringen, aber wir haben ihm zumindest einen Winterschlafsack mitgegeben. Nach wie vor ist Herr H. regelmäßig bei uns und wir sind sehr froh zu sehen, dass es ihm gesundheitlich wieder besser geht. Das Thema Wohnen, über das er bislang nie mit uns reden wollte, spricht er jetzt auch an und wir sind da, um den Weg zu einem neuen Wohnort mit ihm gemeinsam zu gehen, – ganz egal, wie lange dieser Weg auch sein mag.

Obdachlose Menschen haben mit vielen Vorurteilen zu kämpfen. Wenn du unseren Leser:innen einen Satz sagen könntest, was wäre das?
Es kann jeden treffen, niemand ist davor gefeit in diese Situation zu kommen. Wir hatten hier schon Rechtsanwälte, Ärzte, Selbständige, die in die Obdachlosigkeit geraten sind und nie damit gerechnet hätten.

Was machen Obdachlose jetzt
ALLE FOTOS: SIMON VAN HAL, VON DIE GRUFT

Wenn es eine Sache gibt, die du durch deine Arbeit gelernt hast, was wäre das?
In der Not helfen die Menschen zusammen. Wir erleben hier in der Gruft so viel Wertschätzung von der Öffentlichkeit, die Menschen sind froh, dass es Einrichtungen wie unsere gibt, wo Obdachlose gut versorgt werden.

Was können unsere Leser:innen trotz der Corona Beschränkungen machen, um die Gruft zu unterstützen?
Wir sind auf die Hilfe der Menschen angewiesen und darum freuen wir uns über jede Geldspende, die uns erreicht.

www.gruft.at

Vielen Dank.

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Autor:innen

Viktoria Orlinsky
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Ist seit 2020 Redakteurin bei DIEVERPEILTE. Hat Information, Medien und Kommunikation mit der Vertiefung Journalistik in Österreich studiert. Ihre Themenschwerpunkte sind Gesellschaftpolitik und feministische Themen.

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