Schon als er das erste Mal »Ich liebe dich« zu mir sagte, wusste ich, dass ich einen Fehler begehe. Dass ich mich in eine Sache hinein geritten habe, die ich eigentlich so nicht wollte. 

Und doch erwiderte ich seine Worte, eher aus Pflicht als mit Gefühl, denn ich wusste, dass er es hören wollte. Ich erwiderte seine Worte, ohne zu wissen, dass ich eigentlich lesbisch bin. 

Ich sitze in der Straßenbahn, bereite mich mental darauf vor, ihn nach zwei Monaten wiederzusehen. Noch bin ich mir nicht sicher, wie ich es ihm sagen kann, obwohl ich die Worte geübt und sorgfältig niedergeschrieben habe. Ich weiß nicht, ob es mir gelingen wird, der Wahrheit in die Augen zu blicken, wenn ich ihn nach all der Zeit wiedersehe. 

Er war meine erste Beziehung, meine erste richtige Beziehung. Wie sich so etwas anfühlt, wie sich richtige Liebe wirklich anfühlt, wusste ich damals noch nicht. Auch heute bin ich mir dessen nicht ganz sicher.

Dadurch, dass er sich – aus eigenem Wunsch – sozial von mir und meinem Umfeld distanziert hatte, standen wir während des gesamten Lockdowns kaum in Kontakt. Was mich zu Beginn noch störte und traurig machte, war schon nach einer Woche eine Wohltat. Ich musste mich nicht mehr ständig nach ihm richten, konnte wieder meine Hobbys – vor allem das Schreiben – aufnehmen, ohne mir Sorgen um ihn und seine Zufriedenheit machen zu müssen. Ich konnte ausatmen und in mein Herz horchen.

Dass ich mich eher für Frauen interessierte, habe ich zwar schon mit jungen Jahren bemerkt, aber nie wirklich akzeptieren können. Schließlich wurde einem ja eingeredet, dass Frauen auf Männer stehen, sich von diesen angezogen fühlen und irgendwann mit einem solchen eine Familie gründen würden. Erst während meines Auslandsjahres, als ich eine tiefe Freundschaft mit einer Lesbe formte, merkte ich, dass ich meine Gefühle für Frauen nicht einfach abschalten konnte. Denn bei ihr fühlte ich mich freier, ungezwungener, glücklicher, als ich es bei Männern war. Trotzdem sah ich eine Beziehung mit einem Mann immer noch als etwas an, das man halt so hatte, und konnte mir vorstellen, vielleicht doch eine solche zu führen, falls ich es müsste. 

Als ich später auf das Label bisexuell stieß, schien das perfekt für mich zu sein. Schließlich fand ich Männer doch irgendwie attraktiv, auch wenn mich eigentlich kein Einziger so richtig interessierte. Frauen müssen auf Männer stehen. Das glaubte ich damals auf jeden Fall.

Meinen ersten Kuss hatte ich übrigens auch mit einer Frau. Sie war meine beste Freundin, eine Art Seelenverwandte. Es war Sylvester. Wir hatten zwar beide getrunken, doch der Kuss und das Gefühl danach wurden jedoch nicht vom Alkohol verursacht. Ich fühlte mich leicht wie eine Feder, ungezwungen und einfach frei. Zu einer Beziehung ist es aber nie gekommen. Sie wollte sich nicht outen, ich hatte sie zu spät gefragt. Wie das Schicksal halt so spielt. 

Dies war ein halbes Jahr, bevor ich ihn kennengelernt hatte. Ein halbes Jahr, bevor ich mich in einer Beziehung wiederfand, die ich selbst eigentlich nicht wirklich ausgesucht hatte. Die Zeit, die ich gebraucht hätte, um meine eigene Sexualität zu entschlüsseln, wurde mir durch die Ekstase, endlich in einer Beziehung zu sein, genommen. Schließlich war ich die Einzige in meinem Freundeskreis, die noch keinen Freund gehabt hatte. 

Plötzlich war er das Wichtigste in meinem Leben und ich vergaß alles um mich herum, sogar meine Familie und Freunde. Dass dieses Verhalten mehr als toxisch war, ist mir erst im Nachhinein klar geworden. Dadurch, dass mir eine Pause von ihm aufgezwungen wurde, hatte ich die Möglichkeit und die Aufgabe, mich mir selbst zu stellen. Als ob ich sämtliche Gefühle tief in meinem Herzen vergraben hätte, krochen sie im Lockdown aus mir hervor und breiteten sich aus.

Zu dieser Zeit verschlang ich alle Beiträge, Videos und Serien, die auch nur im Entferntesten mit dem Thema Homosexualität und Lesbischsein zu tun hatten. Ich befragte das Lesbian Master Doc, chattete online mit einigen queeren Menschen und fand zu mir selbst. 

Ich bin lesbisch.

Und gleichzeitig wurde mir auch klar, dass ich die heteronormative Beziehung beenden musste, wenn ich uns beiden nicht mehr schaden wollte.

Er steht bereits dort, sein Blick ist auf sein Handy gerichtet, wo er die neusten Memes.

„Können wir reden?“, flüstere ich beinahe. „Es gibt etwas, das ich dir sagen muss.“

Eigentlich wollte ich nicht so mit der Tür ins Haus fallen. Eigentlich wollte ich mich nach seinem Wohlbefinden, nach seiner Familie erkundigen. Doch wenn ich es ihm jetzt nicht sage, dann würde ich es niemals sagen. Und das ist keine Option. 

„Ich… Wir können nicht mehr zusammen sein.“ Ich schlucke hart, betrachte meine kurzen Fingernägel, meine Stoffhosen. Alles, nur nicht ihn.

„Ich habe realisiert, dass ich lesbisch bin.“ 

Der Straßenlärm und das Zwitschern der Vögel betonen die Stille zwischen uns. Er schweigt und ich bringe es immer noch nicht übers Herz, ihn anzusehen. Erst als die Straßenbahn zum dritten Mal klingelt, gebe ich mir einen Ruck.

„Es tut mir leid, dass ich es dir nicht früher gesagt habe. Aber ich wollte es dir persönlich sagen, nicht übers Telefon, nicht mit einer Nachricht.“

„Ich habe es mir fast noch gedacht.“ Die Worte sind schmerzhaft und tröstend zugleich. Endlich blicke ich ihn an. Ihn, der meine erste Beziehung gewesen ist. Ihn, der mir endlich den Weg zu mir selbst gezeigt hat. Seine Augen glänzen, doch er lächelt auch. Vorsichtig nimmt er meine Hand und drückt sie sanft.

„Ich wünsche dir alles Gute und ich hoffe, wir bleiben Freunde.“

Ob wir Freunde bleiben, steht in den Sternen.

Alles Gute jedoch, alles Gute wird mich hoffentlich erwarten.

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

Autorin: Annina Anderhalden 
Illustration: Ramina Kalashnykova

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