Drei Dinge, die es wohl zu jedem Weihnachtsessen gibt? Ein zu aufwendiges Gericht, mehr Stress als notwendig und Konfrontationen, auf die man eigentlich keine Lust hat. Es geht um Klimawandel, Ernährung, Politik, etc. also alle Themen, über die man sich gut streiten kann. Ich möchte hier meiner Familie aber nichts vorwerfen. Sie sind alle gebildete, herzliche Leute mit einer fundierten Meinung und wir wissen, dass wir uns im Grundsatz verstehen; nur bei den Ausführungen trennen sich unsere Wege eben.

Die Gespräche darüber können dann viel länger dauern, als mir eigentlich lieb ist und auch unter dem Weihnachtsbaum kommen wir oft nicht auf einen grünen Zweig. Wenn ich ehrlich bin, schätze ich sie aber trotzdem sehr. Zu Hause in meiner wohlgeformten Bubble sind die Gespräche natürlich angenehmer, aber eben in einer Bubble. Ich sitze bequem in meiner Komfortzone und wir malen uns eine hübsche Utopie. Für diese Ansichten werde ich dann bei meiner Familie als Idealistin belächelt und man versucht, mich eines Besseren zu belehren. Ich versuche natürlich das gleiche und schon entsteht eine lebhafte Diskussion. Auch wenn die dann nicht so angenehm ist, bringt sich mich an meine Grenzen und zwingt mich, meine Standpunkte von anderen Seiten zu sehen und sie einem Rundum-Check zu unterziehen. Im Gegenzug wird die Generation X ein wenig aus ihrem vertrauten Weltbild geschubst und bekommen aus erster Hand zu hören, was die Jugend von heute so für Pläne hätte, wenn man sie nun endlich mal ranlassen würde.

Dieses Jahr wurden wir auch noch von einem Freund meines Vaters beehrt. Für die allgemeine Atmosphäre war das auf jeden Fall positiv, denn wir haben ja alle als Kinder gelernt, dass man sich zu benehmen hat, wenn Gäste zu Hause sind. Nachdem wir uns alle darauf geeinigt hatten, dass wir uns impfen lassen würden, kamen wir dann zu meinem Lieblingsthema: yes, Feminismus. Genauer gesagt das Gendern. Und so hat besagter Freund eine mutige Gegenposition gebracht, die mir in dieser Form noch nicht untergekommen war: Er argumentierte, dass er im Gendern eine Unterdrückung der Sprache sehe, die am Ende des Tages der Gleichberechtigung nicht weiterhelfen würde, sondern im Gegenteil eher eine Abgrenzung und Verteidigungshaltung hervorbrachte.

In seiner Argumentation vergleicht er diese Vorschrift mit „Newspeak“, das einigen vielleicht aus George Orwells Roman 1984 bekannt ist. Zur Erinnerung: „Newspeak“ ist eine fiktive, vereinfachte Sprache, die für die Big-Brother-Dystopie erfunden wurde, um über die Sprache das Denken der Bürger:innen zu unterdrücken und ihnen die Ideologie des totalitären Staates aufzuzwingen. Dass dieser direkte Vergleich sehr krass ist und allein dadurch eine Provokation ist klar. Aber das Argument, dass verpflichtendes Gendern einen Zwang auf die Sprache ausübt kann man nicht einfach so abstreiten.

An dieser Stelle sollte wohl etwas zum Gendern an sich gesagt werden. Nämlich, warum viele Leute es für wichtig empfinden. Natürlich wissen wir alle, dass es hier um Inklusion und Gleichberechtigung geht, mehr können viele — auch Befürwortende — dazu aber häufig nicht sagen. Auch im deutschen Wikipedia-Artikel zu Gendern wird darauf nicht eingegangen; auf Englisch gibt es erst gar keinen Eintrag zu diesem Thema.

Dabei ist die wissenschaftliche Lage dazu durchaus eindeutig. Die zentrale Frage ist, wie ein Ausdruck wahrgenommen wird, wenn er ungegendert bleibt, also das generische Maskulinum verwendet wird. In der Öffentlichkeit wird meist behauptet, dass Frauen hierbei mitgemeint sind und sich genauso angesprochen fühlen. Die Wissenschaft ist da aber anderer Ansicht: Experimente haben gezeigt, dass nicht einmal die Hälfte der Leute tatsächlich verstehen, dass bei einem generischen Maskulinum auch Frauen gemeint sein können. Kinder müssen überhaupt erst lernen, dass sich „er“ nicht immer nur auf Männer bezieht. Mit 6 Jahren kann das nicht mal ein Drittel. Das wirkt sich natürlich später darauf aus, wie wir uns die Welt vorstellen. Eine empirische Studie hat Proband:innen gebeten, berühmte Musiker oder Schriftsteller zu nennen. Nun – Überraschung – fielen den Leuten signifikant mehr Männer ein, wenn die Aufgabe exakt so, also ungegendert, gestellt wurde. Bekannte Frauen aus diesen Bereichen wurden und werden somit in den Hintergrund gedrängt. In einem anderen Versuch fiel auf, dass sich erheblich weniger Frauen auf eine Stelle bewerben, wenn in der Ausschreibung nur die männliche Form verwendet wird. Dagegen hilft auch das gut gemeinte m/f/d nichts. Genau das Gleiche trifft (vielleicht sogar noch stärker) auf Leute zu, die sich weder mit der männlichen noch der weiblichen Form identifizieren. Leider ist das aber noch schlechter erforscht.

Mit diesem Hintergrund nun zurück zu Gendern als Zwang und Unterdrückung. Zum einen finde ich es wichtig, das Ausmaß zu beachten. Gendern betrifft erst mal nur Bezeichnungen von Personen und beschränkt sich außerdem, anders als bei Orwell, auf die geschriebene Sprache. Zugegeben, hier stellt es einen Zwang dar, das waren die letzten Rechtschreibreformen aber auch. Selbst darüber haben sich die Leute damals beschwert, mittlerweile juckt das aber niemanden mehr.

Ich kann nachvollziehen, dass die Umstellung zu geschlechtergerechter Sprache zu Beginn etwas mühsam ist. Worte, die man seit Jahrzehnten benutzt hat, sind auf einmal nicht mehr angebracht und die ganze Sache mit dem -innen und dazu noch Sternchen/Unterstrich/Doppelpunkt ist unintuitiv. Ich kann allen aber guten Herzens versichern, dass man sich auch daran gewöhnt und es sehr schnell automatisiert. Außerdem geht es meistens nur um zwei Silben, die tatsächlich kaum einen Unterschied machen. Ich habe mal selbst beim Sprechen die Zeit gestoppt und der Unterschied war im krassesten Fall 0,2 Sekunden.

Die Sache mit der Unterdrückung ist ein wenig komplizierter. Aber ich möchte sie mal aus einer anderen Perspektive beleuchten: So wie ich Gegenpositionen zum Gendern verstanden habe, sprechen sie sich für die Alternative aus, also nicht zu gendern. Jetzt stoßen wir aber auf ein Problem. Wie wir oben gesehen haben, führt das nämlich ebenso zu einer Unterdrückung von allen, die sich nicht mit dem männlichen Geschlecht identifizieren. Und wenn ich mir unsere Verfassung bzw. das Grundgesetz ansehe, haben wir uns darauf geeinigt, dass wir diese Diskriminierung in unserer Gesellschaft eben nicht wollen. Also müssen wir uns entscheiden. Wollen wir weiterhin Frauen und nicht-binäre Personen daran hindern, in unserer Gesellschaft mit Männern gleichgestellt zu sein, um das Gemüt von Leuten, die das Problem dahinter noch nicht zur Gänze erfasst haben, zu schützen? Oder nehmen wir in Kauf, eben diese zu einem Wandel zu zwingen, um Geschlechtergerechtigkeit tatsächlich umzusetzen?

Dass eine Vorschrift in der Sprache überhaupt eingesetzt wird, finde ich natürlich auch nicht optimal. Mir wäre lieber, es würde genügen, in einer wöchentlichen Fernsehsendung den Leuten gut zuzureden und ihnen die Vorteile und Ziele gegenderter Sprache ans Herz zu legen, bis sie von selbst ihre Sprache anpassen. Ich bezweifle, dass das reichen würde, falls jemand dazu aber die Kohle locker macht, erkläre ich mich gerne dazu bereit, es zu versuchen.

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE. 

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