In den letzten Monaten ist mir immer wieder untergekommen, dass Menschen über gewisse Dinge nicht mehr sprechen wollen. Manche Themen scheinen es nicht mehr wert zu sein, sich darüber auszutauschen. Meistens Themen, die irgendwie alle betreffen, aber irgendwie auch nicht. Gendern? Diese Diskussion führe ich nicht mehr. Natürlich würden diese Leute behaupten, dass es sehr wichtig sei, über Gendern zu sprechen, aber anscheinend nur mit Leuten, die der gleichen Meinung sind. Dass diese Praxis Blödsinn ist, scheint mir relativ klar. 

Aber gibt es da eine Grenze? Sollte man zum Beispiel auch mit Verschwörungstheoretiker:innen sprechen?

Nun ja, sagen wir mal so: Wenn ich das von vornherein kategorisch ausgeschlossen hätte, hätte ich die eine oder andere Lehre verpasst. Eine solche Lehre beginnt in einem weißen Minivan zwischen Bordeaux und Toulouse. Ich fahre mit meinem Host auf deren Hof, wo ich die nächsten zwei Wochen verbringen werde. Mir wird schnell klar, dass ich dabei bin, in eine andere Welt einzutauchen. Nicht nur, weil ich in einem anderen Land bin, eine andere Sprache spreche, den halben Tag im Dreck stecken werde und in der gesamten Agglomeration weniger Leute leben als in meinem Bezirk in Wien. Sondern, weil meine Familie hier tatsächlich in einer anderen Welt lebt. Mit anderen Regeln, Wahrheiten und Prioritäten.

Mein Gastvater — nennen wir ihn François — ist Verschwörungstheoretiker. Das kann ich ganz offen sagen, er bezeichnet sich nämlich selbst so. Mit einem Zwinkern. Er erzählt mir, dass er sich nicht impfen lassen wird, ja, dass die Impfung sowieso nicht funktionieren würde und auch, dass die Maßnahmen der Regierung keinen gesundheitlichen Nutzen hätten. Ich stimme ihm nicht zu, aber mein Französisch ist noch nicht aufgewärmt und ich weiß nicht ganz, wie ich darauf antworten soll. Also widme ich mich dem Zuhören. Eine Strategie, die ich auch im Nachhinein ganz gut finde. Denn anstatt mich direkt in eine Diskussion zu stürzen, die unser Verhältnis wohl nicht verbessern würde, beginne ich, ihn und seine Positionen kennenzulernen.

Ich lerne ihn als Mensch kennen. Als Person mit Gefühlen, Geliebten und Gefürchtetem. Er erzählt mir von seinen Kindern, seinen Erlebnissen und seinen Meinungen. Das ändert von Grund auf, wie ich ihm begegne. Denn während ich viele seiner Meinungen nicht teile, verstehe ich seine Gefühle. Das würde ich mit einem Profil im Internet wohl nicht so machen. Will ich also mit Leuten wie ihm sprechen? Für mich ist die Antwort ein klares Ja. 

Vielleicht sollte ich gleich hier ein paar Worte dazu sagen, was ich mit diesem Text nicht sagen möchte. Das scheint vielleicht etwas unüblich, wird aber viel zu selten gemacht. Ich möchte nicht, wie einige Philosoph:innen, in den rhetorischen Werkzeugkästen von Leuten landen, denen ich überhaupt nicht helfen möchte. Ich möchte mit diesem Text nicht relativieren, dass von gewissen Seiten die Wissenschaft systematisch geleugnet und diskreditiert wird. Dazu zählt für mich besonders die Verharmlosung von Covid-19 als ernst zu nehmende Gefahr und die Verneinung der Wirksamkeit von Impfungen

Doch was würde es bedeuten, gewisse Menschen und Meinungen aus dem Diskurs auszuschließen? Ich würde diese Meinungen dadurch nicht aus der Welt schaffen. Jede:r Person, die einmal etwas Verbotenes getan hat, weiß, dass eine Zensur gar nichts bringt. Im Gegenteil — man würde dadurch ein Tabuthema züchten. Anstatt Falschinformation einzudämmen würde man sie von ihren Ketten befreien. Denn es sind offener Diskurs und Aufklärung, die Fake News zurückdrängen.

Ein weiterer Effekt wäre, dass sich François wohl ziemlich mies fühlen würde. Wie so viele würde ich ihn und seine Erfahrungen nicht ernst nehmen. Ich würde ihn sogar kategorisch ablehnen. Diskriminieren. Ich würde ihn auf seine Meinung zu einem bestimmten Thema reduzieren und damit vieles, was ihn zum Menschen macht, ignorieren. Ich würde ihn entmenschlichen. Ob er darauf mit Wut, Trauer oder Verzweiflung reagiert, liegt in seinem Umgang damit. Helfen würde es weder unserer Beziehung noch dem Thema selbst.

Ich merke, dass François sehr viel Angst davor hat. Und zurecht. Meinungen wie seine werden medial verurteilt — auch da sie in einigen Fällen von wissenschaftlichen Untersuchungen klar widerlegt werden. Also bilden diese Randgruppen ihre eigenen Medien, in die sie flüchten können. Das macht Themen, über die man nicht sprechen darf, so gefährlich: Sie können die Gesellschaft spalten.

Die Polarisierung der Gesellschaft gehört für mich zu den besorgniserregendsten Entwicklungen unseres Jahrzehnts. Auch weil ich merke, wie einige Gruppen direkt davon profitieren. Der rechte Rand bedient sich der Opferrolle und extremisiert jene, die sich ausgeschlossen fühlen. Doch noch mehr beunruhigt mich eine andere Strömung: die neue Rechte im Mittepelz. Sie treibt links und rechts immer weiter auseinander, obwohl sie in vielen Belangen die gleichen Interessen haben. Der Klassenkampf der Arbeiter:innen zum Beispiel. Anstatt gemeinsam die Klasse an der Macht zu kritisieren, kämpfen sie gegeneinander. Praktisch.

Ein klassisches Mittel ist, gewisse Aussagen zu verbieten. Ich denke an einen Ex-Neonazi, der für den Satz „Die Mauer muss weg“ in der DDR im Gefängnis landete. Dort traf er auf einen Kriegsverbrecher, der ihn in die Nazi-Ideologie einführte und extremisierte. Natürlich sind wir hiervon weit entfernt, doch es zeigt, wie gefährlich es sein kann, gewisse Meinungen nicht zuzulassen. 

Auch wenn Verschwörungstheorien einfach nicht den Tatsachen entsprechen, sollten wir darauf achten, wie wir mit den Menschen dahinter umgehen. Wenn sie die Tatsachen ablehnen, müssen wir einen anderen Weg finden, sie in der Gesellschaft zu behalten. Das beginnt damit, sie ernst zu nehmen. Auch wenn ich manche Positionen total bescheuert finde, muss man darüber reden. Ich höre François weiter zu und werde das auch die nächsten zwei Wochen tun. Still bleiben werde ich nicht, selbst wenn er meinen Einwänden nicht immer zuhört. Und das mache ich nicht aus Toleranz gegenüber seiner Meinung, sondern aus Respekt vor seinen Gefühlen. 

Besonders seiner Angst. Ich höre sie sehr oft zwischen seinen Sätzen an ihm kratzen. Er hat Angst, dass ihm eine Impfung schaden könnte. Er hat Angst um die Gesellschaft, in der seine Kinder aufwachsen. Er hat Angst um die Umwelt und er hat Angst vor einer Diktatur.

Ein Thema, das ihn besonders aufregt, ist der Passe sanitaire, also der Grüne Pass. Für ihn bedeutet er einen Eingriff in seine Privatsphäre. Der Staat verlangt von ihm persönliche Daten, die er speichern und weiterreichen darf. In einer Zeit, in der gefühlt jede Institution enorme Datensätze über jeden Bereich unseres Lebens sammelt und verarbeitet, finde ich seine Bedenken nicht unbegründet. Kommen diese Daten in falsche Hände, stellt das eine unmittelbare Gefahr dar. Wie wir spätestens seit Cambridge Analytica wissen, können Menschen so mutwillig manipuliert und diskriminiert werden.

Mir fällt auf, dass wir in unserem verschwörungstheoretischen Gespräch — wie es François noch immer lachend nennt — auf einen Punkt gestoßen sind, in dem wir uns einig sind. Und auch, dass er mir ein Problem bewusst gemacht hat. Alleine dadurch hat sich unsere Unterhaltung ausgezahlt.

Natürlich wäre es manchmal bequemer, solche Gespräche nicht zu führen. Nur mit Leuten zu sprechen, mit denen ich alles teile. Doch das wäre auch langweilig mit der Zeit. Oft lässt sich von unterschiedlichen Leuten viel lernen. Und wenn nicht, sollten wir trotzdem sehr vorsichtig sein, sie irgendwo ein- oder auszuschließen. Wir leben nun mal in einer vielschichtigen Gesellschaft mit vielschichtigen Menschen. Und das soll auch so bleiben.

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

Illustration: Teresa Vollmuth

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