Am Esstisch, im Supermarkt, auf der Autofahrt, im Bad, am Telefon: Die Konflikte meiner Familie sind meine persönliche Hölle. Ihr wollt wissen, wann ich wieder nach Hause komme? Wie wäre es, wenn ihr euch das hier erst mal zu Herzen nehmt. 

Meine Mama und mein Bruder sind das perfekte Bespiel für eine misslungene Kommunikation. Sie sind besonders gut im Aneinander-vorbei-reden. Das ewige Anbringen der eigenen Standpunkte bei gleichzeitiger Ignoranz des anderen, lässt ihre täglichen Interaktionen ungefähr so aussehen:

Mama: Guten Morgen.
Niklas: Tach.
Mama: Sag mal geht das vielleicht auch ein bisschen freundlicher?
Niklas: Nerv mich nicht Mudder.
Mama: Nett. Wenn du was brauchst, dann kannst du komischerweise ganz lieb sein.

[Tür knallt zu]

Es ist, als würden sich die beiden überhaupt nicht wahrnehmen. Also als Mensch. Das passivaggressive Dialogbeispiel symbolisiert gut, warum ich mich daheim nicht wohlfühle. Ich möchte nicht von Leuten umgeben sein, die weder sich selbst noch ihre Mitmenschen achten. Die Konflikten aus dem Weg gehen, anstatt daran zu arbeiten. So was ist einfach unglaublich mühsam – mit anzusehen. Die beiden reden aneinander vorbei, ohne es zu merken, und ihnen fehlt das grundlegende Verständnis für den anderen.

Liebste Mama, liebster Bruder, ich möchte euch nicht mehr beim Streiten zusehen und mache mir sorgen, dass sich euer Verhaltensmuster negativ auf meine Entwicklung auswirkt. Aus diesem Grund habe ich zusammen mit Issam ein paar Regeln für euch (und alle anderen, die sich oder Personen aus dem Bekanntenkreis in dieser Unterhaltung wiederfinden) entwickelt, um eurem Zusammenleben mehr Liebe einzuhauchen.

Kommunikation e1608499711958

Schaut mal, im Prinzip fängt doch alles mit der Begrüßung an. Ihr könntet doch mal versuchen, euch währenddessen anzulächeln? Also so richtig ernst gemeint. Ein Gegenüber spürt das nämlich, wenn man für den anderen keine Wertschätzung aufbringt – weshalb man sich auch schnell angegriffen fühlt und unter Umständen anders reagiert, als man es eigentlich möchte. Das liegt auch daran, dass viele Menschen Erwartungen, Wünsche oder gar Forderungen an andere Menschen haben. Und das macht das Zusammenleben sehr schwierig.

Zuhören e1608501817614

Für mich ist nichts schlimmer, als euch beim Streiten zuzuhören. Zuhören ist etwas, das man lernen kann und total wichtig, um der anderen Person ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit zu vermitteln. Wenn wir uns also noch mal das Beispiel vom Anfang anschauen und die ersten zwei Regeln anwenden, könnte euer Gespräch auch so aussehen:

Mama: Guten Morgen (lächelt).
Niklas: Tach (schaut genervt).
Mama: Alles okay bei dir? Du siehst so niedergeschlagen aus?
Niklas: Ja, ich habe einfach nur einen schlechten Tag.
Mama: Wenn du jemanden zum Reden brauchst, kannst du gerne zu mir kommen.
Niklas: Danke, Mama (lächelt)!

[Tür wird leise zugezogen]

Problem e1608504166139

Ich glaube niemand streitet gerne, aber Konflikte sollte man lösen. Das macht man am besten, indem man darüber spricht. Nehmen wir noch einmal unser Fallbeispiel her, an der Stelle, als Mama sagt, dass Niklas nicht gutgelaunt ist. Anstelle einer Beleidigung, hätte er zum Beispiel mit einer Frage reagieren können: „Wie kommst du darauf, dass das nicht freundlich gemeint war?”. Meine Wunschmama würde jetzt mit einer Ich-Botschaft reagieren und ihre Gefühle und Wünsche aussprechen. Zum Beispiel so: „Ich hatte das Gefühl, dass du schlecht gelaunt bist und das an mir auslassen möchtest.” Seht ihr? So habt ihr die Möglichkeit, ganz friedlich über eure Unstimmigkeiten zu reden und Missverständnisse aus dem Weg zu räumen – ganz ohne Gemeinheiten.

Wenn der Streitgrund tiefer liegt, könntet ihr euch selbst diese Fragen stellen, um zu einer Lösung zu gelangen:

  • Was genau bedrückt mich eigentlich? Und was fühle ich dabei? 
  • Was möchte ich mit dem Gespräch erreichen?
  • Was möchte ich verändern, was verbessern?
  • Was sind meine Bedürfnisse?
  • Was habe ich selbst zur Situation beigetragen?
  • Wie geht es denn der anderen Person?

Dankbar e1608505669135

Eine Sache, die mir aufgefallen ist, wenn ich bei euch zu Besuch bin, ist, dass das Wort „Danke” oft von Sarkasmus begleitet wird. Danke sagen soll aber Spaß machen und Freude bereiten – das kann man auch lernen. Ihr könntet bei euch selbst anfangen, indem ihr euch für all die tollen Dinge bedankt, die ihr jeden Tag für euch tut. Mama, du arbeitest fast täglich im Heim und machst einen super Job, anstatt dich darüber zu beklagen, könntest du dir doch auch mal auf die Schulter klopfen, lächeln und stolz auf dich sein? Und Niklas, du hast dein erstes Ausbildungsjahr hinter dir, kümmerst dich um alle technischen Dinge in unseren Haushalten und bist der gutmütigste Kerl, den ich kenne – hast du dich dafür schon mal gelobt? Danke sagen ist soooo wichtig! Damit geben wir nicht nur uns selbst ein blumiges Gefühl, sondern auch allen anderen, denen wir im Laufe unseres Lebens begegnen!

Umarmen e1608508218358
ILLUSTRATIONEN: OSAY

Liebste Mama, liebstes Brüderchen, wir neigen uns dem Ende dieses liebevollen Ratgebers zu. Für den Schluss haben wir uns den Punkt Umarmen und Lieb haben aufgehoben. Umarmungen sind die intensivste Form körperlicher Berührungen. Sie reparieren uns, machen uns gesund und sorgen dafür, dass die Liebe in the Air ist. Umarmungen waren in unserer Familie nie ein großes Ding, was wir unbedingt ändern sollten, denn sich zu umarmen kann das tollste Gefühl der Welt sein. Und zwar die, die so richtig dolle mit Herz sind, bis man keine Luft mehr bekommt. Wie siehts aus, wollen wir das mal ausprobieren?

In Liebe,
Sofia & Issam

Unsere Kommunikationsregeln gibt es auch in Form eines Posters für dein Zuhause. Schicke uns deine Anfrage an info@dieverpeilte.de und gehe bald mit glücklicheren Augen durch die Welt.  

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One Comment on “Willkommen daheim: ein Ratgeber für ein liebevolles Miteinander.”

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