Wenn es zwei Dinge gibt, auf die man sich in der Adventszeit verlassen kann, sind es der penetrante Konsumerismus und die Kälte, an die wir nach dem Sommer nicht mehr gewöhnt sind. Rote Finger und rote Ohren sind das Accessoire der Saison. Abgesehen von Glühwein gibt es oft nichts Besseres, als in die gute Stube einzukehren und unseren Körper an den Heizkörper zu kleben. Doch Glühwein und Heizkörper sind keine Selbstverständlichkeit. Und jede Person, die an diesen kalten Tagen kein sicheres Zuhause hat, ist eine zu viel. Eine Organisation, die sich diesem Problem annimmt, ist die VinziRast. Im 12. Wiener Gemeindebezirk betreibt sie eine Notschlafstelle, in der seit 2004 täglich bis zu 50 Menschen nächtigen können. Nicht langfristig, aber zumindest für 30 Tage können sie dort zur Ruhe kommen. Die VinziRast bietet ihnen Sicherheit, Kleidung und warme Mahlzeiten. Elisabeth Prent ist seit einigen Jahren die Leiterin der Notschlafstelle – ehrenamtlich, wie alle der 60 Mitarbeiter:innen. Sie hat sich mit uns getroffen, um uns die Einrichtung näher zu bringen. 

DIEVERPEILTE: Was sind deine Tätigkeiten in der Notschlafstelle?
Elisabeth Prent: Ich kümmere mich um die Organisation, die tagsüber zu erledigen ist: Schauen, dass wir immer genug Mitarbeiter:innen haben, den Dienstplan und die ganzen Mails die erforderlich sind im Auge behalten, Kontakt zu anderen niederschwelligen Einrichtungen pflegen – das sind so meine Hauptaufgaben. Manchmal mache ich auch einen Abenddienst, gemeinsam mit eingearbeiteten Kolleg:innen, weil ich gerne auch die Gäste sehen möchte. Dann organisieren wir regelmäßig Teambesprechungen und bieten Supervisionen für die Mitarbeiter:innen der Notschlafstelle an. Und es gibt auch Aktivitäten, wo auch Teile außerhalb der Notschlafstelle integriert sind. Ausflüge, Weihnachtsfeiern, die wir organisieren, in der VinziRast-Chance gibt es einen Markt…

Wie finanziert sich die VinziRast?
Ausschließlich durch Spenden. Wir sind also keinerlei Behörde oder sonstiger Institution verpflichtet. Wir leben von Geldspenden bis Sach- und Zeitspenden.

Wie bist Du das erste Mal mit der VinziRast in Berührung gekommen? 
Das liegt eigentlich ziemlich lange zurück, mittlerweile fast elf Jahre, bei einem Vortrag im Radio Kulturhaus über Herzensbildung. Eine der Teilnehmer:innen war Cecily Corti, die die VinziRast gegründet hat. Dieses Gespräch hat mich sehr beeindruckt und dann habe ich sie einfach angerufen. Zunächst habe ich in der Küche angefangen und bin peu à peu hier in die Aufgaben der Notschlafstelle bei Abend- und Nachtdiensten eingewachsen.

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Elisabeth Prent, Leitung VinziRast-Notschlafstelle © Sophie Unterbuchberger

Gab es einen besonderen motivierenden Faktor, bei der VinziRast einzusteigen?
Es ist einfach der Zugang zur Menschheit an sich; die Werte unserer Gesellschaft mit Leben zu erfüllen. An oberster Stelle steht der Slogan: “Wir gehören alle zusammen”. Wir verstehen die Menschheit als Einheit und nicht als irgendwie getrennte Gruppierungen. Man sieht es glaub ich in der aktuellen Situation sehr deutlich – woher ich komme, wie alt ich bin, ob männlich oder weiblich – ich bin betroffen aufgrund der Tatsache, dass ich ein Mensch auf diesem Globus bin. Wir sind sehr viel mit Menschenrechten beschäftigt, die teilweise mit Füßen getreten werden. Wir haben aber auch Menschenpflichten. Und die VinziRast bietet beides. So eröffnet sich uns ein großes Spektrum, um sich selbst weiterzuentwickeln, wie man dazulernen kann im Leben, und das hört ja nie auf. Ich denke, das Lernen und aufmerksam sein, wachsam sein, interessiert sein, ist ein lebensbegleitender Prozess. Und bei uns kann man das wirklich gut verwirklichen. 

Das finde ich sehr schön, diese Verbindung zwischen Rechten und Pflichten. Dass es eben Menschenrechte gibt, die allen zustehen sollen, wofür es genauso bestimmte Pflichten gibt, denen man sich dann auch berufen fühlt nachzugehen. 
Das eine bedingt das andere, glaube ich. Wenn es den Menschen gut gehen soll, was ja im Prinzip der Menschenrechte festgehalten ist, dann müssen alle auch der Pflicht nachgehen, um diese Dinge verwirklichen zu können.

Gibt es für dich bestimmte Momente der Begegnung mit Menschen, die dich motivieren, weiterhin ein Teil der VinziRast zu sein und dich in dem, was zu machst, bestärken?
Es ist wirklich ein schönes Miteinander – die Tätigkeit im Nacht- und Abenddienst, wenn die Gäste reinkommen. Man sieht sich Auge in Auge. Man sieht, wie bedürftig ein Mensch in einer bestimmten Situation ist. Wir versuchen nicht zu beurteilen, wie sie dazu kamen oder wie es ihnen ergangen ist. Das ist nicht unser Job. Jetzt im Moment ist diese Not vorhanden. Wir können Schicksale nicht verwandeln oder gestalten im engen Sinne, aber wir können ein warmes Bett bieten, in einem sauberen, ordentlichen Ambiente, wir haben ein warmes Essen jeden Abend und ein Frühstück. Natürlich versuchen wir, den Gästen zuzuhören – im Rahmen des Möglichen, denn die Sprachbarriere ist oft schon eine Thematik. Wir sind sehr niederschwellig und haben dadurch Menschen aus allen Nationalitäten. Es ist jedes Mal eine Motivation, wenn man sich bewusst ist, dass die Menschen unser Angebot einfach brauchen. Egal wie es dazu gekommen ist. 

Wie stark tritt man mit den Menschen in Kontakt? Nimmt man tatsächlich Anteil an ihrem Leben oder wollen sie eher für sich sein und suchen die Schlafstelle nur als Unterkunft?
Ich denke, unsere Gäste sind so unterschiedlich wie die Menschen insgesamt. Manche würden gerne sehr viel mit uns sprechen und andere wollen das nicht. Man muss einfach immer hinschauen, hinhören, was jemand braucht. Sie helfen sich auch untereinander oft. Es gibt zum Beispiel einen Herren aus Ungarn, der auch Deutsch und Englisch spricht und dann einem anderen beim Übersetzen hilft. Das funktioniert eigentlich ganz gut. Und natürlich haben wir zu manchen Menschen, die viel oder regelmäßig da sind, eine Art von Beziehung, weil man dann schon einiges voneinander weiß. Was dann davon stimmt, ist nicht immer ganz sicher, aber sie erzählen ihre Geschichte manchmal sehr gerne. Kommt auch vor.

Gibt es auch bestimmte Schwierigkeiten oder Dinge, bei denen du dir wünscht, dass sie in der Zukunft reibungsloser funktionieren?  
In diesen elf Jahren, in denen ich das mache, gibt es konstant neue Situationen, neue Herausforderungen. Das hängt stark davon ab, welche Leute im Moment bei uns sind. Es gab zum Beispiel auch Phasen, wo relativ viele Frauen da waren, damit sind die Anforderungen immer andere und wir müssen uns um neue Lösungen kümmern. Ein Dauerthema ist natürlich die Anzahl der Mitarbeiter:innen. Wir sind immer auf der Suche, dass sich jemand engagiert, immer mit der Bitte, sich das gut zu überlegen, sodass es eine halbwegs längerfristige Tätigkeit wird. Auch von außen kommen konstant neue Situationen auf uns zu. Wie auch jetzt mit der Pandemie. Dann kommt wieder ein Lockdown und dann noch ein Lockdown und dann helfen wir ihnen, das Impfangebot anzunehmen. Das alles zu handlen ist definitiv eine Herausforderung.

Werden die Leute, wenn sie herkommen, immer getestet?
Ja, das ist auch notwendig. Aber viele kommen geimpft. Im Vergleich wie die Allgemeinheit oder ein Drittel davon reagiert, kommt mir vor, dass sie schon impfwillig sind.

Zusammengefasst für die, die sich vorstellen können, mitzuhelfen: Längerfristiges Engagement wäre wichtig, aber gibt es auch etwas, womit man euch mit weniger Zeit unterstützen kann?
Ja, natürlich, das gibt es immer wieder. Jetzt in der Weihnachtszeit wollen wir auch ein bisschen was Feineres bieten, – also Essen und Ausstattung. Da brauchen wir zusätzlich Unterstützung. Es melden sich auch manchmal Menschen, die zum Beispiel am 24. Dezember ihre Zeit zur Verfügung stellen wollen, um obdachlosen Menschen Essen auszuschenken. Das ist natürlich eine tolle Sache. Also es gibt schon einiges. Es gibt auch verschiedene Berufsgruppen, die in ihrer Ausbildung noch ein Praktikum machen müssen, was sie teilweise bei uns machen. Abgesehen von der Notschlafstelle haben wir ja auch noch andere Projekte. Da gibt es immer wieder kleine Arbeiten oder Tätigkeiten, bei denen man sich einbringen kann. 

Zum Abschluss: Gibt es eine Sache, die Du hier gelernt hast und unseren Leser:innen mitgeben möchtest?
Rein persönlich würde ich sagen, dass es das Leben bereichert, wenn man seine Zeit mit anderen Menschen teilt. Wenn man sich ein wenig umhört und aufmerksam ist, wo die Notwendigkeit besteht und sich dort einbringt. Das ist eine sehr besondere Geschichte im Leben und ich denke es macht zufrieden. Angeblich fördert es auch die Gesundheit!

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

Text: Charlotte Koi & Sophie Unterbuchberger

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