Neulich habe ich in einem Posting gelesen, dass die meisten Frauen schon öfter belästigt bzw. missbraucht wurden, als ihnen bewusst ist.

“So ein Blödsinn“, kann man sich da denken, „wie sollte einem das nicht bewusst sein?“ Ganz einfach: Weil viele (sexuell) belästigende Handlungen in unserer Gesellschaft in hohem, unerträglichen Maße normalisiert sind. Es beginnt mit dem Klaps auf den Po, dem Angrabschen beim Tanzen – das ist doch keine Belästigung, „er zeigt doch nur Interesse“ und sowieso sollte man das Ganze nicht so ernst nehmen, „denn er ist ja auch schon ziemlich besoffen“.

Bis zum heutigen Tag würde vermutlich auch ich denken, dass ich zwar viele unangenehme und inakzeptable Situationen in dieser Richtung erlebt habe, mir aber zum Glück nie was wirklich Schlimmes passiert ist. Wenn ich vor vier Jahren nicht eine alte Freundin wieder getroffen hätte, die wegen einer Beerdigung in der Stadt war. Seitdem blicke ich auf die folgende Situation nicht nur anders, sondern so, wie sie tatsächlich war.

Ich war sechzehn und hatte mich nach circa zwei Jahren Beziehung von meinem Freund getrennt. Es lief nicht mehr so, wie ich mir das vorstellte und ich hatte das Gefühl, weiterziehen zu müssen. Beziehungsdrama interessierte mich heute wie damals recht wenig. Freunde treffen, Spaß haben, Schnaps trinken, obwohl ich zu jung war, kiffen, obwohl es sowieso illegal ist. Die Jugend in vollen Zügen genießen, könnte man sagen. Das war alles, was ich zu diesem Zeitpunkt wollte.

Rückblickend war es eine schöne Zeit. Manches hätte mir allerdings gestohlen bleiben können. Jahre später sollte ich im Zuge meines Studiums im Fach Strafrecht lernen, dass das, was mir widerfuhr, keine Vergewaltigung, sondern „einfach nur“ sexueller Missbrauch einer Jugendlichen, nämlich mir, war. Warum „einfach nur“? Weil dieser Ausdruck, das Wort „Missbrauch“, dem Gefühl, dass ich aufgrund dieses Erlebnisses empfinde, nicht gerecht wird. Und, weil die Höchststrafe dafür gerade mal halb so hoch ist.

Nachdem ich meine Beziehung beendet hatte, tat ich das, was vermutlich viele tun: Ich war viel unterwegs, revitalisierte alte und schloss neue Freundschaften. Unter diesen neuen Freunden befand sich auch der Cousin meiner Freundin Sarah, L. Wir kannten uns zwar von früher, aber nur flüchtig. Er war aus demselben kleinen Ort wie ich. Das ist praktisch, wenn man was unternehmen möchte. Noch praktischer war es, dass er schon sechsundzwanzig war und ein Auto zur Verfügung hatte. Meistens waren wir zu dritt oder zu viert unterwegs, trafen uns einfach nur zum Rauchen und Musik hören oder fuhren in der Gegend rum, um uns die Zeit zu vertreiben. Nichts Besonderes. Wir nutzten jene Möglichkeiten, die man in einer Kleinstadt zur Verfügung hat.

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Foto © Paula Schür

L. war immer schon ein wenig schräg drauf. Lag vielleicht daran, dass er im Kindesalter seinen eigenen Bruder gefunden hatte – erhängt. Generell schwierige Familiensituation. In meinem Freundeskreis aber nichts Neues. Abgesehen von dem dezenten Wahnsinn, der L. allem Anschein nach immer begleitete, war er ein netter Kerl. Er hatte einen ganz eigenen, einnehmenden Humor, sah gut aus und war auch ansonsten für den Geschmack meines sechzehnjährigen Ichs cool drauf. Manchmal wirkte er ein bisschen orientierungslos, was die Zukunft und ihn selbst betraf, was ich in meinem Alter allerdings gut nachvollziehen konnte. Dass er mich manchmal ein bisschen anzuflirten schien, störte mich nicht weiter. Ich fühlte mich begehrenswert (nach einer Beziehung ja grundsätzlich mal nichts Schlechtes) und ständig ein bisschen angemacht zu werden, war für mich, wie vermutlich für die meisten Frauen und Mädchen, sowieso normal. Wir verstanden uns super und hatten einen schönen Sommer.

Einer der lauen Sommerabende klang auf L.’s Balkon aus. Wir saßen zu dritt nebeneinander aufgereiht da, teilten uns einen Joint und starrten alle auf die Felder und den Wald, die man in der Ferne sah. Im Hintergrund lief ein Lied, das ich ausgesucht hatte. Ich fühlte den Song richtig und sang ein bisschen mit. Hin und wieder warf einer von uns ein paar Worte ein, kurze Gespräche folgten. Wir lachten und starrten weiter, die Musik wurde leiser, der Abend ging langsam zu Ende. J., der dritte im Bunde, ging nach Hause. Er wohnte nur ein Haus weiter und musste am nächsten Tag arbeiten.

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Foto © Paula Schür

Und jetzt?

„Klar, ich bleib bei L.“, dachte ich mir, nach Hause ist es ganz schön weit und eigentlich ist es hier, so bekifft, auch ganz schön gemütlich. L. versicherte mir, dass das gar kein Problem sei. Wir könnten einfach sein riesiges Ecksofa ausziehen, da wäre dann genug Platz. Und ich war es sowieso gewohnt, wochenends immer woanders zu schlafen – dem Dorfleben und den schlechten Zugverbindungen sei Dank.

Wenig später legten wir uns beide hin. Ich außen, er innen. Ziemlich weit voneinander entfernt. Fand ich persönlich sehr komfortabel, zumal ich es gewohnt war, zu viert auf Zweisitzern oder ansonsten auch am Boden zu pennen. Wir wechselten noch ein paar Worte, danach war es still. In den Minuten zuvor war während des Gesprächs eine – für mich unangenehme – Stimmung aufgekommen. Da es aber dann ruhig wurde, legte ich das schnell beiseite. Bis sich L. nicht mehr ziemlich weit weg befand, sondern auf mir.

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Foto © Paula Schür

Ich erschrak.

Seine Hände wanderten seitlich an meinem Körper hinunter. Ich bin kitzlig, also lachte ich. Er interpretierte das als Einladung und küsste mich. Seine Lippen waren hart. Ich hasste diesen Kuss und alles an diesem Moment. Es war mir unangenehm. Ich drehte mein Gesicht weg und sagte, er solle das lassen. Er ließ es nicht. Berührte mich weiter, ließ seine Hand in meine Hose gleiten, versuchte mit den Fingern zwischen meine Beine zu kommen.

„Lass das!“, sagte ich zum fünften Mal. Er ließ es immer noch nicht. Obwohl ich mich wirklich sträubte und auch versuchte, ihn von mir runterzuwerfen, ließ ich es ab da einfach über mich ergehen.

„Fuck, muss das jetzt sein“, dachte ich mir. Ich wollte es hinter mich bringen. Fühlte mich unwohl und wollte, dass es aufhört. Aber so ist das halt, mit den Typen, wenn sie Bock haben. Er fingerte mich, sagte mir, dass ich feucht sei und freute sich darüber. Zog mir meine gesamte Kleidung aus und legte sich dann ganz auf mich. Drang in mich ein. Stöhnte und hatte Spaß. Ich wünschte mir, dass es schnell vorbeigeht. War es zum Glück auch.

„Hey, du nimmst eh die Pille, oder?“ – „Ja.“ – „Boah, okay, passt… Das war gerade echt geil.“ Er sah nichts Falsches an dieser Situation.

Ist das gerade real?

Ich sagte ihm noch, dass das gerade echt nicht okay war und er mir, dass ich mich nicht so haben solle. Es war mittlerweile mitten in der Nacht und ich wusste, dass ich nicht mal nach Hause gehen konnte. Lieber warte ich, bis zu Hause alle bei der Arbeit sind, dann erspare ich mir die Erklärungen, wo ich war und vor allem bei wem. Ich schlief ein wenig und verließ die Wohnung zu dem Zeitpunkt, als ich wusste, dass ich zu Hause niemanden antreffen würde. Der Heimweg war seltsam. Ich fühlte mich seltsam. Obwohl mir L. noch einige Male schrieb, haben wir ab da nichts mehr gemeinsam unternommen. Ich hing ab da nur noch mit anderen Leuten aus der nächsten Stadt ab.

Drei Jahre später meldete sich Sarah, eine alte Freundin, bei mir. Wir hatten uns schon ziemlich auseinandergelebt. Ich war zum Studieren in Graz. Sie, um sich selbst zu finden, in Berlin. Sie kam für eine Beerdigung in die Stadt und fragte, ob wir einen Kaffee trinken gehen. Klar! Ich freute mich. Doch sie sprach recht bald über L.. In meinem Kopf war dieser Typ als unangenehme Erinnerung abgespeichert, daher war meine Freude auch gleich verflogen. Bald sollte ich aber mehr verstehen.

Er war vor einem Jahr nach Wien gezogen. Hatte was mit einer zwielichtigen älteren Frau. Kaum Kontakt mehr zu seiner Familie. Sie erzählte weiter: Es war L., weshalb sie hier war. Es war wegen seiner Beerdigung. L. hatte sich umgebracht – vor den Zug gelegt. Wir sprachen lange über ihn, die fragwürdigen Umstände seines Todes und auch über die eine Nacht, in der ich bei L. war. Wir waren mittlerweile älter und Sarah sagte, dass sie es furchtbar findet, was damals passierte. Dass L. immer schon abgefuckt war und sie mich, obwohl ich ihn ja selbst bereits kannte, vor ihm hätte warnen sollen. Weil er sogar sie, obwohl sie seine Cousine war, auch öfter angemacht hatte. Weil das, was mir passierte, eigentlich schon als Vergewaltigung durchgehen würde.

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Foto © Paula Schür

“Fuck, sie hat recht”, dachte ich mir. Ich versicherte ihr, dass sie nichts dafür könne. Und naja, so was hätten wir beide nicht erwartet.

Wir sprachen zwar leise in dem kleinen Café, aber der alte Mann, der uns schräg gegenüber saß, konnte wohl alles hören und wollte sich seinem Gesichtsausdruck nach auch am liebsten vor den Zug legen. Wir sprachen noch mal über den Ablauf dieses Abends vor drei Jahren. Schauten uns an und danach betrübt durch die Gegend. Nach dem Kaffee gingen wir noch kurz zu mir.

Ich gab ihr mein restliches Gras, um die Beerdigung auszuhalten, da ich sowieso nicht mehr kiffte. Das war das letzte Mal, dass wir uns sahen.

Meiner Mama, die L. seit seiner Kindheit kannte, erzählte ich teils gespielt, teils tatsächlich betroffen von seinem Suizid. Sie erzählte mir, dass er schon als Kind sehr seltsam war. Er sei als kleiner Junge im Freibad manchmal zu ihr gekommen und habe sie gestreichelt. Sie, eine für ihn fremde Frau. Was mir damals mit ihm passierte, erzählte ich nicht. Mama fragte sich außerdem, wie es jetzt wohl seiner Mutter geht – diese ist nach wie vor ihre Arbeitskollegin.

Ich habe L.’s Mutter Monate später getroffen. Ohne dass ich wusste, dass sie es war, saßen wir gemeinsam an einem Tisch. Es war der Abend vor Weihnachten. Sie fragte mich, ob ich Sarah kenne. Ob ich L. kannte. Ich bejahte. Man sah das Leid in ihrem Gesicht. Ich verstand es. Ich allerdings war froh, dass L. nicht mehr lebt. Mein Leid (und meine Freude) jedoch konnte niemand sehen. Denn mich würde in dieser Spelunke, in dieser dreckigen Kleinstadt, niemand verstehen. Vermutlich würde mir nicht einmal jemand glauben.

Mittlerweile sind seit dieser einen Nacht acht Jahre vergangen. Heute komme ich damit klar. Auch wenn mir diese Story manchmal immer noch richtig absurd und surreal vorkommt.

Was ich mir heute wünsche? Dass sowas abgefucktes absolut niemandem widerfährt. Dass man bereits in der Schule und auch sonst überall in unserer Gesellschaft endlich lernt, was übergriffiges Verhalten ist und solches endlich nicht mehr toleriert wird.

Und: Dass ich damals mehr über Machtverhältnisse, Rollenbilder und sexuelle Selbstbestimmung gewusst hätte.

Autorin: Svenja

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

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