Meine Augen fühlen sich trocken und müde an. Das liegt wohl daran, dass ich wieder seit drei Stunden auf meinen Handybildschirm glotze. Ich gehöre zu den Menschen, die vor März 2020 am lautesten gerufen haben, dass sie diese App für Kinder namens TikTok niemals nutzen werden. Jetzt kichere ich vor mich, während ich von einem kurzen Clip zum nächsten wische. Meine Aufmerksamkeitsspanne habe ich durch Social Media zerstört, weswegen ich meist nur halb mitbekomme, was ich mir gerade anschaue. An diesem einen Abend wiederholt sich allerdings ein Thema in zahlreichen Videos: Cancel Culture. Es geht dabei immer um verschiedene Aspekte: Was ist Cancel Culture? Was ist es nicht? Sollten wir Cancel Culture canceln? Als Person, die ihre geistigen Ergüsse mit einer Öffentlichkeit teilt, stellt sich mir zum Schluss die Frage: Kann es passieren, dass auch ich gecancelt werde?

Fangen wir erst mal von vorne an, was ist Cancel Culture eigentlich?
Es gibt viele unterschiedliche Definitionen. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass es sich dabei um Boykotte von Gruppen, Organisationen oder Einzelpersonen geht, die diskriminierende und übergriffige Aussagen oder auch Handlungen getätigt haben. Das müssen nicht zwangsweise groß aufgezogene Kampagnen wie die „R.Kelly Stummschalten“ Aktion sein. Auch kleinere Tätigkeiten wie das Blockieren von problematischen Personen auf Social Media zählen dazu. Hinzu kommt, dass es ein Empowerment-Werkzeug für marginalisierte Gruppen ist, da es unabhängig von etablierten Machtstrukturen funktioniert und somit als ‚voice of the voiceless‘ wirkt.

Das Gute daran ist, dass strukturelle Probleme anhand von meist berühmten Personen aufgezeigt werden und in den öffentlichen Diskurs rücken. Im Idealfall sollen dadurch Themen öffentlich besprochen werden, die sonst eher hinten runterfallen. Häufig kommt dann die immer selbe Leier „Man darf ja heutzutage wirklich gar nichts mehr sagen!“ Die Leute beschweren sich, dass ihre Meinungsfreiheit eingeschränkt wird und reden sogar von einer Zensur. Interessanterweise sind das oft Menschen, die nicht von struktureller Diskriminierung betroffen sind. Ich möchte hier auch noch einmal festhalten, dass Diskriminierung keine Meinung ist! Wenn sich jemand also rassistisch, sexistisch, ableistisch oder queerfeindlich äußert, darauf hingewiesen wird und es immer noch nicht einsiehst, dann wird diese Person zurecht gecancelt.

Da kommen wir auch schon zum nächsten Punkt: Cancel Culture bedeutet nicht ohne Wenn und Aber alle Menschen zu boykottieren! Es ist ein Prozess, die erlernten und internalisierten Formen der Diskriminierung zu erkennen und zu überwinden. Dabei machen wir Fehler. Der entscheidende Punkt ist daher, wie wird mit diesen umgegangen? Wenn eine betroffene Person darauf hinweist, dass ein bestimmtes Verhalten problematisch und verletzend war, dann sollte man sich dem annehmen und die eigenen Einstellungen reflektieren. Denn wir als Gesellschaft entwickeln uns stetig weiter und glaubt es mir oder nicht, Cancel Culture kann ein gut funktionierendes Werkzeug dafür sein.

Natürlich ist nicht immer als Gold, was glänzt. Vor allem bei neueren Internet-Phänomenen läuft nicht alles so, wie es im Idealfall kann. Cancel Culture hat das Potenzial, schnell falsch verstanden zu werden. Denn es geht nicht darum, Leute fertigzumachen, sich gegeneinander aufzuhetzen oder im schlimmsten Fall sogar Morddrohungen zu verschicken! Ein weiteres Problem ist, dass vor allem auf Social Media schnell Entscheidungen getroffen werden sollen: Entweder man cancelt oder man wird gecancelt. Auch wenn man noch gar nicht weiß, wie man sich positionieren soll. Hinzu kommt, wie bereits erwähnt, dass viele nicht wissen, wie sie mit dem Hinweisen auf ihre Fehler umgehen sollen und haben eine Riesen-Angst, abgelehnt zu werden.

Damit kommen wir zu meiner anfangs gestellten Frage: Kann es passieren, dass auch ich gecancelt werde? Darum soll es gar nicht gehen. Das sollte auch niemals die erste Frage sein, die man sich stellt, denn es rückt den Fokus weg von den Betroffenen. Im Mittelpunkt steht nicht das „Leid“ der Gecancelten, welches meist eh nicht so groß ausfällt, wie vermutet. Es geht darum, wie wir uns hin zu einer diskriminierungsfreien Gesellschaft verändern können. Daher sollten wir uns folgende Fragen stellen: Was kann ich tun, um meine Denkmuster zu verändern? Habe ich mich schon genug weitergebildet? Wie gehe ich mit aufgezeigten Fehlern um? Denn wie bereits erwähnt, ist es nicht das Ziel, fehlerfrei zu sein und zu handeln, sondern uns die Kritik anzunehmen und an uns zu arbeiten.

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE. 

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