Es ist ein halbwegs sonniger Samstag in Berlin. Ich bin auf dem Weg zu einer meiner neugewonnenen Lieblingsaktivitäten: dem Spazierengehen. In der U-Bahn steht ein älterer Herr mit Fahrrad. Es fällt mir direkt auf, dass er keine Maske trägt und irgendwie aufgebracht wirkt. Mit den Kopfhörern im Ohr bekomme ich nicht ganz mit, was er vor sich hin stammelt, aber seine Gestikulation verrät, dass er sauer ist. Ich stoppe meine Playlist und lausche, was er von sich gibt. Zu Beginn klingt es noch nach verschwörungstheoretischem Geschwurbel. Allerdings äußert er sich schnell extrem rassistisch und bedient sich dabei des typischen populistischen Narratives rechter Parteien und Gruppierungen. In der U-Bahn sitzen zu dem Zeitpunkt viele migrantisch gelesene Personen und er beginnt sie direkter anzusprechen und zu beleidigen. Ich werde wütend und weise in verbal in seine Schranken. Unterbreche ihn und konfrontiere ihn mit seinen Aussagen. Daraufhin bin ich das „Opfer“ seiner Hassrede.

An dieser Situation hat mich vieles extrem traurig und sauer gemacht. Zunächst natürlich, dass es überhaupt passiert ist. Ebenfalls hat sich keine weitere Person geäußert. Alle saßen schweigend da und taten so, als würde es sie nichts angehen. Betrifft mich ja eh nicht. Ein weiterer Grund: Nur wenige Tage vorher fand eine Attacke in Erfurt statt. Mein Wohnort, bevor ich nach Berlin zog. Ich habe damals auch einige Situationen mitbekommen oder von solcher Art Angriffen gehört. Aber das, was dieses Mal geschah, machte mich sprachlos. Ein mittelalter, sehr breit gebauter Mann beleidigt einen Minderjährigen zutiefst rassistisch und wird ihm gegenüber letztendlich gewalttätig. Die Tat wurde gefilmt und der Täter identifiziert. Ich machte mir, wie viele andere auch, lange Gedanken über das Video. Vor allem machte ich mir Gedanken darüber, wie in solchen Situationen gehandelt werden sollte.

Zivilcourage ist dabei ein gern verwendetes Wort. Wir müssen mehr Zivilcourage zeigen. Aber was genau fällt eigentlich darunter? Denn nicht nur ein direktes Einschreiten ist ein Zeichen von Zivilcourage. Wenn es zu gefährlich werden könnte, hilft es bereits, wenn wir die Situation genau beobachten und falls möglich filmen. Das kann später als Beweismaterial oder die Beobachtungen als Aussage verwendet werden. Allerdings soll das nicht heißen, dass wir immer nur am Rand stehen und nichts tun müssen. Ebenfalls sollten andere Personen mit einbezogen oder sogar die Polizei gerufen werden – je nachdem wie die Situation aussieht. Es gibt hier keine allgemeingültige Lösung. Man sollte sich natürlich nicht in Gefahr bringen und im schlimmsten Fall selbst Opfer eines Angriffs werden. Ich muss mich nicht einem 120-Kilo-Kerl entgegenstellen, der offensichtlich gewaltbereit ist. Allerdings muss man sich aus der Komfortzone raus begeben. Nur weil es vielleicht unangenehm und ungewohnt ist, Leute auf ihr diskriminierendes Verhalten anzusprechen, sollte ich nicht tatenlos zusehen. Auch für mich gibt es Einfacheres als die anfangs beschriebene Situation. Meine Hände zitterten und ich hatte das Gefühl, dass alle mich anstarren. Aber es geht in dieser Situation nicht um mich oder euch. Es geht um die Betroffenen.

Wir neigen dazu, egoistisch zu denken und zu handeln. Ich bin nicht gemeint, also tue ich so, als würde ich nichts mitbekommen. Unsere Handy-Bildschirme vereinfachen uns die Flucht in die digitale Welt. Mit Musik auf den Kopfhörern können wir die Beleidigungen übertönen und unser Leben ganz entspannt weiterleben. Ist ja alles gut für uns. Aber diese Einstellung bringt niemanden weiter. Wenn wir diskriminierendes und gewalttätiges Verhalten stillschweigend hinnehmen, akzeptieren und legitimieren wir es. Damit nähren wir den Hass. Wir machen uns mitschuldig. Als Nicht-Betroffene ist es daher unsere Aufgabe, nicht tatenlos zuzusehen, sondern in einer angemessenen Art und Weise zu reagieren – und damit letztlich zu helfen.

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

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