Wir Menschen sind für die Entscheidungen, die wir tagtäglich treffen, selbst verantwortlich. Kartenlegen hilft uns dabei, die richtige Entscheidung für uns selbst zu finden. Zumindest ist meine Freundin Fiona (Name verfälscht) fest davon überzeugt. Es ist Anfang September, wir stehen vor Andreas Tür und warten darauf, dass sie uns hereinlässt, um meiner Freundin die Karten zu lesen. Ich glaube nicht, dass mir eine Kartenlegerin zu mehr Glück in meinem Leben verhelfen kann, aber wieso glaubt Fiona das?

Menschen, die mich zuerst nach meinem Sternzeichen fragen, bevor wir ein Gespräch geführt haben, gehen mir ziemlich auf die Nerven. Zwei meiner Freundinnen sind so ein Fall. Im Mai besuchte ich sie für ein paar Tage. Ich hatte mich kaum an den Tisch gesetzt, schon werden mir sechs Seiten meines Horoskopes vorgetragen. Fiona ist da entspannter, sie tischt mir ihre Weisheiten nicht ungefragt auf, bei ihr liegt das Zeug einfach rum, sobald ich darauf stoße und sie danach frage, bekomme ich eine Antwort. Oder eine Tarot-Karten-Runde. Wirklich etwas gebracht hat es mir nicht, was vielleicht auch daran liegen mag, dass ich nicht konzentriert war.

Andrea betreibt spirituelle Beratung in Wien und gibt zusätzlich Training in Bewusstseinserweiterung – in Einzel- und Gruppensitzungen. Sie sieht anders aus, als ich sie mir vorgestellt hatte. Zugegeben, ich erwartete eine alte Frau, umhüllt von weißem Haar und spirituell aussenden Gewändern. Ihr rotes Haar ist zu einem Dutt gebunden und wird von einer weißen Perlenkette umschlungen, die an ihrer Brille hängt. Außerdem trägt sie eine dieser indischen Hippie-Stoffhosen, die Reiserückkehrer ganz gerne mal ein ganzes Jahr am Stück tragen. Ich gebe zu, dass ich ziemlich voreingenommen in ihre Wohnung gekommen bin und nicht so offen, wie ich es mir vorgenommen hatte. Andrea macht einen skeptischen Eindruck auf mich, ich glaube, sie kann meine Vorurteile riechen.

Die beiden Frauen haben sich letztes Jahr auf einem Künstlertreff in Mijas kennengelernt. Es ist das erste Wiedersehen und nun stehen sie lachend in der Küche. „Kaffee?“, fragt uns Andrea. Fiona nickt, ich bitte sie um einen Tee. Während sie das Wasser aufkocht, machen wir es uns bequem am Tisch.

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Foto: filmstreicher

Jeder kennt die betrügerischen Geschichten über Wahrsagerinnen, auch wenn das nichts mit der Tätigkeit einer Kartenlegerin zu tun hat. „Normalerweise öffnen sich die Menschen sehr schnell. Sie erzählen mir eigentlich alles, weil ich eine vertrauenswürdige Person bin, und das spürt man. “, sagt Andrea. Sie würde sich selbst niemals als Missionarin bezeichnen, denn sie redet niemanden etwas ein oder aus: „Doch wenn die Menschen in ihr Gefühl hineinhorchen, nachspüren und mir zuhören, merken sie schon, dass da was dahinter ist. Und meistens ist es dann so, dass sie immer mehr wissen möchten und anfangen, von selbst zu erzählen.“ So ergeht es Fiona, sie ist gerade an einem Punkt, an dem sie beruflich nicht weiterkommt und hofft, dass Andrea ihr mehr Klarheit verschaffen kann. Alles, was sie dafür tun muss, ist, ihr eine Frage zu stellen, zu einem Thema, das sie aktuell beschäftigt.

Fragt man authentische Kartenleger danach, welchen Weg man gehen soll, schütteln sie den Kopf und sagen dir, dass du diese Entscheidung selbst treffen musst. Wir sitzen am Esstisch in Andreas Küche, sie ist heimisch eingerichtet, wir fühlen uns auf Anhieb wohl und um uns herum hängt ihre selbstgemalte, visionäre Kunst. Andrea fängt damit an, die Tarotkarten zu mischen – ein gekauftes Set, entgegen meiner Fantasie, sie könnte sie von einer höheren Macht „zugesteckt“ bekommen haben. „Indem spezifische Fragen gestellt werden, können die Karten eindeutiger interpretiert und eher in die Geschichte, die du selbst erzählst, eingebunden werden. So ist dir danach klar, was in Bezug auf diese Frage zu unternehmen ist“, erklärt sie uns. Nun gibt sie Fiona den Stapel zum Mischen, damit sie im Anschluss zwei Haufen vor sich ausbreitet. Die Kartenlegerin zieht eine Karte aus einem der beiden Stapel und legt sie vor sich hin und beginnt, ihr die Bedeutung zu vorzutragen.

Jene, die zu Andrea kommen, haben meist Karrierefragen oder Liebesangelegenheiten. Das sind besonders die Menschen, die unterbewusst Fehlprogramme am Laufen haben und somit dazu veranlagt sind, schlechte Erfahrungen anzuziehen, und herausfinden möchten, wie sie dem Ganzen entkommen können. „Du bist der Schöpfer, du bist der Chef, du kannst anfangen, dem entgegenzuwirken und das aufzulösen. Nur du kannst die Platte in eine andere Richtung spielen lassen“, sagt sie dann.

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Foto: filmstreicher

Die Rede ist nicht von einer echten Platte, es handelt sich dabei um eine unterbewusst ablaufende Scheibe, die tief in uns drin läuft, derer wir uns erst bewusst werden müssen, um sie im Anschluss „richtig“ abspielen zu können: „Das machst du, indem du dir deine Vergangenheit anschaust. Nur so erkennst du, was passiert ist und was bei dir läuft“, erklärt sie. Danach schaut man, ob man schon so weit ist, das Vergangene loszulassen. Das hängt vor allem mit Selbstwert, Selbstliebe, Stärke und Bereitschaft zusammen. Klingt logisch für mich, schließlich handelt es sich dabei um ein Gewohnheitsmuster, dass man ändern kann. Und um dieses zu durchbrechen, ist es notwendig, sich mit dem inneren Leben zu beschäftigen: „Ich kann nur jedem empfehlen, sich eine Methode zuzulegen, mit der man das machen kann. Bei uns heißt das auf wienerisch ‚ins Narrenkastl schauen‘, weil man dadurch einen direkten Seelenzugang erhält”. Dafür muss man sich nicht die Karten legen lassen, man kann auch meditieren, mit Traumarbeit arbeiten oder sich einfach mal in die Natur setzen und ins Leere schauen.

Andrea zieht die nächste Karte und stellt anhand einiger Fragen fest, dass es eine Person in Fionas beruflichen Umfeld gibt, die ihr nicht guttut. Langsam verstehe ich das Prinzip dahinter. Kartenlegen ist wie eine Art Therapie. Jede der Karten repräsentiert einen unterschiedlichen Aspekt unseres Lebens: Die Situation, in der man sich befindet, ihre unterbewusste sowie ihre bewusste Priorität, was man denkt, das einem dabei helfen könnte, was einem tatsächlich helfen kann, welche Hindernisse es gibt und was die nächsten Schritte sein könnten. Dabei bekommt man Fragen vom Kartenleger gestellt, die mit der bereits aufgedeckten Karte zusammenhängen, wodurch man eine Lösung erarbeiten kann. „Es ist eine Art Therapie, kann man sagen. In meinen kleinen Workshops helfen sich die Besucher gegenseitig und wir haben Spaß dabei. Jeder geht mit einem schönen Package nach Hause. Ob die Leute dranbleiben, also ob sie etwas daraus machen, liegt nicht bei mir. Du kannst auch englische Vokabeln lernen, aber nie reden, danach kannst du es auch nicht. Und so ist das mit meiner Arbeit“, sagt sie.

Wir Menschen sind für unser Schicksal selbstverantwortlich und nur wenn wir dranbleiben und etwas aus dem machen, was uns mitgegeben wird, können wir etwas bewirken. Dafür müssen wir tief in uns hineinhorchen und forschen. Die dafür notwendigen Tools kann man lernen. Zum Beispiel von Andrea. „Es gibt verschiedene Techniken, wie man das machen kann. Dadurch fällt eine große Last weg und das Leben wird  leichter, man muss nicht in diesem Opfermodus drin sein“, ergänzt sie.

Kartenlegen ist kein Humbug, muss aber auch nicht immer der Wahrheit entsprechen. Das kommt ganz darauf an, wen man aufsucht und welches Fachwissen diese Person besitzt. Andrea ist kein übernatürliches Wesen und hat auch keine magischen Fähigkeiten. Sie war 20, als sie ihren Weg zur Spiritualität gefunden hat. Eine damalige Kollegin beschäftigte sich mit Astrologie und legte ihr regelmäßig das Horoskop. „Ich war sehr erstaunt darüber, welche Möglichkeiten alles rauskamen, und fragte mich, wo sie das herhaben könnte. Da fing ich an, mich damit zu beschäftigen, und legte mir Unterlagen zu, checkte Freunde und Familie ab und kam ich zu dem Entschluss, dass es noch mehr gibt als das, was wir in der Schule lernen.“ Seit 30 Jahren studiert sie Jahrtausend alte Wissenschaften. Von Astrologie über Karten über Numerologie und die Hermetic – gemeint ist die Lehre der höheren Magie über die Kabbalistik. Zudem hat sie einen Yogameister. Wie viele, trägt Andrea Leidensgeschichten auf ihren Schultern. „Ich war eine Frühgeburt, dadurch hatte ich einen schlechten Start ins Leben, da mir das Urvertrauen von Grund auf fehlt.”

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Foto: filmstreicher

Viele Menschen gehen immer wieder denselben, selbstzerstörerischen Weg. Andrea ist davon überzeugt, dass das mit den vorherigen Leben unserer Seelen zusammenhängt. Gewisse Dinge können für uns vorherbestimmt sein:  Partnerschaften, Jobs oder der Ort, an dem wir aufwachsen. Das Leben basiert auf Wahrscheinlichkeiten und wir haben die Möglichkeit, zwischen den Stationen unseres Lebens zu entscheiden. Wieso treffen wir nur immer wieder die falschen Entscheidungen, obwohl wir es doch eigentlich längst besser wissen sollten? „Nehmen wir mal an, eine Frau kommt zu mir. Sie befindet sich in einer verhängnisvollen Beziehung, in der der Mann wirklich böse zu ihr ist, ihr sogar wehtut. Sie ist jedoch noch abhängig von ihm, so schwach, dass sie diese Erfahrung noch nicht abgeschlossen hat. Das liegt daran, dass die Seele noch nicht fertig damit ist. In so einem Fall kann ich ihr sagen was ich möchte, sie wird trotzdem bei dem Mann bleiben. Weil die Seele nicht die Erkenntnis erlangt hat“, erklärt sie.

Schlussendlich hat mich das Kartenlegen in meinem Verdacht bestärkt, dass wir die Antworten zu den großen Fragen bereits in uns selber tragen. Menschen wie Andrea können dir dabei helfen, diese zu finden, sie werden dir jedoch nicht sagen, was du tun sollst. Was auch immer deine Karten für dich bereithalten, in erster Linie ist es wichtig, dass du zuhörst, in dich hineinhorchst und in den Spiegel deines Unterbewusstseins schaust. Deswegen solltest du zwar aufgeschlossen, aber mit einem gefestigten Selbstbild zu einem Termin zum Kartenlegen gehen. Denn nur so gehst du wie Fiona mit neuen Erkenntnissen und ganz ohne Verunsicherung nach Hause.

tarot.or.at

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