Es gibt in jeder Lebenslage immer zwei Gleise. Das der Vergangenheit und das der Gegenwart. Das Gleis der Vergangenheit ist vielleicht schon etwas zerrüttet, durch vergangene Erosionen, vielleicht durch gebrochenen Versprechen, Konflikte oder unerfüllten Erwartungen.

Wiederum ist das Gleis der Gegenwart noch unbefahren, eben und frei von Altlasten. An manchen Tagen ist es sinnvoll, sich den Baustellen der Vergangenheit zu widmen und dann gibt es Tage, an denen man die unbefahrene Schiene austesten will.

Beides ist okay.
Beides ist legitim.

Doch dann gibt es noch andere Tage, andere Situationen, Momente, an denen ich zweigleisig fahren
will. Mein Halten nur durch meine schon Erlebtes fühlen kann. Diese Momente fallen mir deutlich schwerer, denn auch wenn ich mich noch fühle wie bei der Abfahrt, bin ich mittlerweile jemand anderes.
Bin an neuen Orten vorbei gefahren, habe mehr gesehen, mehr gehört, bisher Fremdes kennengelernt,
Neues gespürt, Altes vergessen, Gedanken ergriffen und Emotionen gefühlt. Und doch sitzt meine Vergangenheit neben mir und greift nach meiner Hand, als wir in einen Tunnel fahren. Und in der Dunkelheit, die der Tunnel mit sich bringt, sehe ich schemenhaft mein altes Ich.

Ich könnte aufstehen, mich woanders hinsetzen, meine Vergangenheit ruhen lassen und mich auf die
Zukunft freuen. Auf das Ende des Tunnels.

Doch stattdessen bleibe ich sitzen, blicke auf die Hand in meiner, die meine ist nur deutlich jünger
und ich halte sie fest. Halte sie in meiner, spüre all die Emotionen, die durch sie in meine Hand übergehen, sehe aus dem schmutzigen Fenster hinaus und erblicke das Ende des Tunnels. Freue mich auf die Zukunft, die schon greifbar vor mir liegt, ohne dabei zu vergessen, welche Haltestellen ich schon hinter mir habe und wer ich einst war.

Es sind die Tage, an denen ich zweigleisig fahren will.
Die Tage, an denen ich mich vollends spüren kann.

Foto © Sophie Unterbuchberger

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