WARNUNG: Dieser Text enthält Schilderungen von sexualisierter Gewalt.

Es war einer dieser Tage, an denen ich mich wunderschön fand und kein Unbehagen wegen meines Körpers hatte. Es war ein sonniger Tag, der 10. September im Jahr 2021 – ganz so, als wäre es noch Sommer. Also beschloss ich: Heute zieh ich es an! Dieses eine Kleid. Dieses Kleid, das ich nur anziehe, wenn ich fühle, dass ich alles an mir liebe. Meine Haare, mein Gesicht, meinen Bauch, meine Brüste, meine Beine, meinen ganzen Körper und meine Ausstrahlung.

Es handelte sich um ein pfirsichfarbenes Hemdkleid, welches sich um meine Rundungen schmiegte. Es stand mir. Harmonierte mit meinen roten Haaren, meinen grünen Augen, meinem blassen Teint. Ich fühlte mich. 

Am frühen Abend wartete ich am Gehsteig auf eine Freundin. Vor mir befand sich der Aufgang zur U6-Station „Währinger Straße“, hinter mir der Radweg und ein Geländer. Junge Menschen, Mütter, Kinder und Männer fuhren versunken in ihren eigenen Gedanken an mir vorbei. Ich beobachtete sie und dachte mir: Wie geht es ihnen wohl? Was geht in ihren Köpfen vor? Denken sie an das letzte Meeting im Büro, wo sie vielleicht etwas gesagt haben, was man nicht hätte sagen sollen. Einen unlustigen Witz? oder überlegen sie: Soll ich ihm schreiben oder halte ich durch und bleibe standhaft? Soll er sich doch bei mir melden, wenn er das Date am Donaukanal toll fand! Ich fühle mich wohl, lasse das Leben der anderen an mir vorbeiziehen. Ich liebe dieses Kleid und genieße das Gefühl, welches es mir gibt. 

Gerade als ich eine Mutter mit ihrer kleinen goldhaarigen Tochter sah und mich fragte, ob sie ihr vorm Schlafengehen vorliest, wie es meine tat, fühlte ich ein plötzlich in mir aufsteigendes Unbehagen. Ja, ich fühlte mich sogar unmittelbar bedrängt. Ich konnte die Herkunft dieses Gefühls nicht verorten. Es war eher ein innerer Impuls, ein diffuses Bauchgefühl. Ich versuchte herauszufinden, woher es kam und als ich mich umdrehte, sah ich einen Mann, Mitte 50. Er hat mit seiner grauen Arbeitshose – beschmutzt, mit weißer Farbe und Dreck –, wie ein hart arbeitender Mann auf mich gewirkt. Wie ein Mann, der nach der Arbeit auf der Baustelle dringend ein Bier braucht, bevor er zu seiner Frau und den drei Kindern nach Hause zurückkehrt. Er sah mich an, unsere Blicke trafen sich. Seine Präsenz und seine Ausstrahlung verursachten dieses Unbehagen in mir. Dieser lüsterne Blick machte mir Angst. Ich wollte dieser Situation entfliehen und am liebsten sofort meine schlabbrige Jogginghose und meinen weinroten Kuschelpulli anziehen. Ich fühlte mich unwohl! 

Kurz dachte ich daran, meine Freundin anzurufen, in der Hoffnung, ihn so verscheuchen zu können. Doch mein Glaube an das Gute im Menschen hielt mich davon ab. Ich drehte mich von ihm weg. Ich fühlte jedoch, wie er immer näher kam. Jeden Schritt, den er auf mich zu machte, verdoppelte ich, – bis ich schon fast am Ende des Geländers stand.

Für einen klitzekleinen Moment drehte ich mich ein weiteres Mal in seine Richtung, nur um zu sehen, ob er noch dastand. Meine Augen trauten diesem Schauspiel nicht. Ich war starr, ohnmächtig wie ein Stein. Dieser Mann stand mit dem Körper zum Geländer und mit Blick auf mich gerichtet da. Ich fand mein Bewusstsein wieder, als ich seine Hand in der Höhe seines Schrittes sah – sein Glied begrüßte mich. Es war steif und er bewegte seine Hand daran kräftig auf und ab. Es widerte mich so sehr an und ich merkte, dass ihn das noch mehr aufgeilte. Ich war für ihn ein Lustobjekt und fühlte mich völlig verloren in dieser Situation. Ich konnte kein Wort sagen und befand in einer regelrechten Stockstarre. Mein Mund war ganz trocken. So etwas ist mir noch nie passiert und ich konnte mich glücklich schätzen, noch nie zuvor in so einer Situation gewesen zu sein. Tja, das ist nun vorbei. Ich ging und ließ ihn stehen. Sein Blick folgte mir, er hat nicht aufgehört. Ich ging weiter und drehte mich am Ende der Straße noch einmal um, wobei ich punktgenau sah, wie er seine Hand über einen neben ihm stehenden Mistkübel schüttelte. Er kam also, während er mich abwartend beobachtete.

Ich fühle mich, als müsse ich kotzen. Und ich möchte, dass die Welt weiß, wie niederschwellig sein Niveau ist.

Autorin: Jasmin Isabella Kraus
Illustration: Teresa Vollmuth

*Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ ist ein bundesweites Beratungsangebot für Frauen, die Gewalt erlebt haben oder noch erleben. Unter der Rufnummer 0800-116 016 und via Online-Beratung können sich neben Betroffenen auch Angehörige, Nahestehende und Fachkräfte Unterstützung holen.

*Anmerkung der Redaktion: Dies ist ein Erfahrungsbericht und gilt mitnichten für alle Männer. Es geht hier um eine persönliche Perspektive, nicht um Pauschalisierung. 

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

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